Es ist verständlich, daß Vorgänge um die Rettung der beiden deutschen Bergsteiger Ramisch und Schridde aus dem Massiv des Montblanc heftige Diskussionen hervorgerufen haben. Monsieur Herzog, der frühere Staatssekretär für Jugend und Sport, hat sogar verlangt, daß zukünftig „Maßnahmen ergriffen werden sollten“ gegen Alpinisten, die nach ungenügendem Training und unter Mißachtung der Wetterwarnungen oder der Ratschläge der Eingeweihten ein Wagnis unternehmen, das sie selbst, aber auch die Rettungsmannschaften in Lebensgefahr bringt. Und Mangel an Erfahrung ist das erste, was man den jungen Deutschen vorwirft, die zehn Tage und zehn Nächte am Eishang der „Aiguille du Dru“ zubrachten und erleben mußten, wie ein deutscher Landsmann, der sich freiwillig zur Rettungsaktion gemeldet hatte, zu Tode stürzte.

Maurice Herzog hat mit seiner Forderung sofort heftigen Widerspruch erregt, insbesondere in Chamonix, dem Ausgangsort so vieler „Bergeroberungen“. So sehr man ihn als den berühmten Bezwinger des Anapurna ehrt (ihm erfror übrigens die Hand bei dieser seiner sportlichen Glanzleistung, und das ist vielleicht einer der Gründe, ein unbewußter, der ihn heute zum Warner macht), so spottet man über seine Absichten und meint: „Die Berge sind die letzten Stätten der Freiheit. Klettere doch, wer will! Mit der Idee, Schutzleute am Fuß der Bergspitzen aufzustellen, ist’s nicht getan!“

In Wirklichkeit hat Herzog seine Meinung durchaus nicht grob vorgetragen. Sein Wort war: „Ich glaube, daß die Triebkraft des Alpinismus der Drang zur Freiheit ist.“ Er hat deutlich gemacht, daß er von „so strengen Vorschriften, wie sie in gewissen Ländern des Ostens gebräuchlich sind“, nichts hält. Wer sein Leben riskieren will, bitte sehr! „Aber er muß sich vor Augen führen“, sagte Maurice Herzog, „daß er unter Umständen nicht nur seine eigene Existenz aufs Spiel setzt, sondern auch die der Retter. Hier sitzt das moralische Problem!“

Sechzig Männer waren aufgeboten, die beiden deutschen Bergsteiger zu befreien. Die Rettung hat einen Kostenaufwand von fast 27 000 Mark erfordert, den freilich der rückversicherte Klub aufbringen wird, dem die Alpinisten angehören. Und es hat keinen Zweck, darüber zu streiten – wie es hier geschieht –, ob die sechzig Mann notwendig waren und ob die Aktion nicht billiger hätte ausgeführt werden können. Ebensowenig, wie es Zweck hat, darüber zu streiten, ob es Anhaltspunkte dafür gibt, daß das französische Fernsehen mit Erfolg versucht habe, die letzte Etappe des Rettungsmanövers hinauszuzögern („Macht’s dann, wenn wir gutes Filmwetter haben!“). Entscheidend ist, daß Bergsteiger sich dazu bequemen sollten, vor „großen Taten“ zu prüfen, wessen sie fähig sind, und sich mit Eingeweihten darüber zu beraten, ob der Moment für ihre Unternehmungen günstig ist. Bemerkenswert ist eben doch, daß an demselben Tage, an dem Maurice Herzog mit einigen kompetenten Sportkameraden sich in Chamonix darüber unterhielt, wie möglicherweise Unglücke zu vermeiden seien, vier Bergsteiger aufbrachen und ohne jede Vorwarnung die Spitze des Dru in Angriff nahmen.

Man sah durchs Fernglas die beiden Seilschaften, wie sie bei genauso ungewissem Wetter die berüchtigte Westseite des Dru angingen, genau auf demselben Wege, den die beiden Deutschen genommen hatten. Man kennt, wie es scheint, die Namen nicht, weiß nichts von ihren Methoden, hat keine Möglichkeit, sie zu warnen und ihnen zu raten: „Laßt ab!“ oder: „Hört auf uns. Macht’s so oder so!“

Die beiden Deutschen haben ihre Rettung vor allem einem Manne zu verdanken, der mit der Kritik an ihrem Verhalten sehr vorsichtig ist: einem Amerikaner, nämlich dem im Chamonix populären jungen Bergsteiger Garry Hemming. Er war es, der mit französischen Freunden jene. Rettungsaktion anführte, die schließlich Erfolg hatte.

Wenn es unter den Alpinisten Neulinge in bestimmten Regionen gibt, die als extravagante Abenteurer erscheinen, so gibt es extravagante Burschen auch unter den Experten. Garry Hemming, den man den „Beatnik der Berge“ nennt, kam nach Frankreich, um Philosophie zu studieren. Da verfiel er dem „Zauber der Berge“. Er hat den Hörsaal verlassen und alle „großen Brocken“ um Chamonix bestiegen – eigensinnig, eigenbrötlerisch. „Clochard der Alpen“, so hat man ihn bespöttelt, der arm ist, von ein paar Dollars lebt, die seine Mutter ihm allwöchentlich aus Amerika schickt. Er läuft mit geflickter Hose herum und entzieht sich allen noch so ehrenvollen Posten: eine ebenso abenteuerliche wie poetische Existenz. Er sagt: „Die deutschen Jungen haben vielleicht nicht riechen können, daß das Wetter umschlagen würde. Aber als es umschlug, haben sie alles richtig gemacht.“