Washington ‚ im September

Vor einem Senatsausschuß, der die Finanzkrise der amerikanischen Großstädte durchleuchtet, sitzt verlegen und hilflos der Bürgermeister von Los Angeles, Samuel Yorty. Ein Senator nimmt ihn besonders scharf ins Kreuzverhör: „Wieviel Arbeitslose gibt es in Ihrer Stadt?“ Der Bürgermeister stammelt: „Das weiß ich nicht.“ – „Können Sie uns etwas über Ihr Programm zum Ausbau der Schulen vortragen?“ Wieder ist die Antwort negativ: „Das fällt nicht in meine Zuständigkeit!“ – „Sie sind doch der Bürgermeister aller Bewohner von Los Angeles, nicht wahr?“ Yorty wehrt sich wütend: „Von Ihnen brauche ich keine Belehrungen!“

Der Senator, der den Bürgermeister so in die Enge trieb, ist Robert F. Kennedy; sein „Delinquent“ gehört wie er der Demokratischen Partei an. Doch Yorty ist ein abtrünniger Einzelgänger, der dem liberalen Gouverneur von Kalifornien, Brown, in den Vorwahlen dieses Jahres Schwierigkeiten bereitete. Brown wird bis zum November eine Schlacht gegen den Filmschauspieler und konservativen Republikaner Ronald Regan zu schlagen haben, gegen den er seine Wiederwahl für eine dritte Amtsperiode zu verteidigen hat. Viele Anhänger Yortys wollen Regan ihre Stimme geben. Indem Kennedy den Bürgermeister von Los Angeles öffentlich abqualifiziert, hilft er seinem Freund Brown. Er wird für ihn auch im Wahlfeldzug in Kalifornien um Stimmen werben. Denn eine Hand wäscht die andere: Auf den Nationalkonventen der Demokratischen Partei, die alle vier Jahre die Kandidaten für das Amt des Präsidenten und des Vizepräsidenten der USA nominiert, ist die Delegation aus Kalifornien die zweitstärkste aus allen 50 Bundesstaaten.

Viele der im Herbst in Kalifornien um eine Wiederwahl für den Kongreß und andere politische Ämter fechtenden Demokraten haben sich schon an den Senator „Bobby“ Kennedy aus dem Staat New York gewandt, der ihnen zu Hilfe eilen soll. Angebote aus dem Weißen Haus indessen, auch Präsident Lyndon Johnson sei bereit, sich für sie zu schlagen, haben einige von ihnen dankend abgelehnt. Johnsons Popularitätskurve sinkt und liegt zurzeit in der Demokratischen Partei unter der Bobby Kennedys. In Kalifornien empfindet mancher liberale Demokrat es sogar als Belastung, mit Johnson gemeinsam in Erscheinung zu treten. Doch nicht nur in Kalifornien ...

Robert F. Kennedy hat sich gerade bereit erklärt, in den kommenden zwei Monaten in acht Bundesstaaten mit Reden und Empfängen den demokratischen Kandidaten zu den Kongreßwahlen im November beizustehen. Er gilt heute als Zugpferd der Demokratischen Partei – nicht überall, aber doch dort, wo sie noch die Anhänger der „New Frontier“ seines ermordeten Bruders mit altem und neuem Anhang regen. Und wenn er für sie erfolgreich werben kann, wächst sein Nimbus, gewinnt er an Statur und Gewicht.

Robert Kennedy ist drauf und dran, die Führung des liberalen Flügels der Demokraten an sich zu ziehen und sie Vizepräsident Hubert Humphrey, dem Stallgefährten Lyndon Johnsons, streitig zu machen. Die Voraussetzungen sind günstig. Über die Hälfte der 192 Millionen Amerikaner ist unter 28 Jahre alt. In dieser jungen Generation hat Bobby Kennedy seinen großten Anhang. Wo immer er auftritt, wird er bestürmt, als wäre er ein Beatle der Politik. Er ist das Idol der Jungen, er hat Charme und ist attraktiv. Ergänzt werden diese Gaben durch sein Familien-Image als Sachverwalter des Erbes von John F. Kennedy. Seine muntere Frau Ethel und der Schwarm von neun Kindern bringen dieses Bild auf Hochglanz.

Robert Kennedy hat nicht vergessen, wie Lyndon Johnson ihn 1964 vor dem Nationalkonvent der Demokraten abhalfterte und ihn von der Nominierung zur Vizepräsidentschaft ausschloß. Er hat nicht vergessen, daß auf diesem Konvent in Atlantic City die Regie des Weißen Hauses die Reminiszenzen an John F. Kennedy auf ein Mindestmaß von Ehrfurcht beschränkte. Noch weniger aber hat er den donnernden Applaus vergessen, der unter den Tausenden Delegierten und Gästen aufbrandete, als ein Film aus dem leben seines Bruders gezeigt wurde.