Wird Südtirol ein zweites Zypern? Wenn man den selbstgefälligen Prognosen des Innsbrucker Dozenten und „Südtirol-Kämpfers“ Norbert Burger glauben darf, wird es südlich des Brenner bald so zugehen wie auf Zypern, als General Grivas gegen die Engländer kämpfte. Partisanenkommandos des „Befreiungsausschusses für Südtirol“ werden – so Burger – nach den Guerillakriegsrezepten des Kubaners Ernesto Guevara – und – Mao Tse-tungs geschult.

Der Innsbrucker „Freiheitskämpfer“ („Für mich war Wilhelm, Teil kein Meuchelmörder und Andreas Hofer kein Terrorist“) macht nicht von ungefähr in letzter Zeit soviel von sich reden. Denn zum erstenmal seit 1960, als die UN Italien und Österreich auf den Weg zweiseitiger Verhandlungen wies, sind Rom und Wien und die von Österreich protegierten Südtiroler einem Kompromiß nahe, der den Anachronismus dieses Grenz- und Nationalitätenkampfes aus der Welt schaffen würde.

Die römische „Links-der-Mitte“ -Regierung ist bereit, der deutschsprachigen Mehrheit in der Provinz Bozen (dem eigentlichen Südtirol, das zur italienischen Region Trentino/Etschland gehört) eine Art Halbautonomie zu gewähren: Zweisprachigkeit in Schulen und Ämtern, Ernennung der Regierungsbeamten entsprechend dem Verhältnis der Volksgruppen, Mitkontrolle des Kreditwesens.

Die Grundbedingung ist jedoch, daß bei Konflikten nicht mehr die UN, sondern der Internationale Gerichtshof in Haag angerufen werden darf. Tagelang konnten sich die Delegierten der Südtiroler Volkspartei nicht einig werden, ob sie ihren Landsleuten das Risiko empfehlen sollen, sich auf ein unpolitisches Gremium zu verlassen, das zum Beispiel den schwarzen Südwestafrikanern auch nicht geholfen hat.

Einige Politiker in Bozen und Wien, zumeist Sozialisten, halten noch immer das volle Selbstbestimmungsrecht für erreichbar. Die Radikalen jedoch wollen diesem Ziel (oder sogar der Wiedervereinigung mit Österreich) mit Bombenanschlägen schneller näherkommen.

Allmählich reißt den Italienern der Geduldsfaden, weil ihrer Meinung nach weder Wien noch Bonn den Terroristen genügend auf die Finger schauen. Ein angesehener Leitartikler forderte sogar als Repressalie gegen Bonn den Abzug der alliierten Truppen aus der Bundesrepublik, die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie und schließlich auch der DDR: „Der Schutz oder besser die Komplicenschaft Bonns und Wiens mit der Mördern drängt uns, ja zwingt uns dazu uns mit jenen Ländern und mit jener Regierungen solidarisch zu fühlen, die sich vom ewigen finsteren, unheilbarer deutschen Revanchismus bedroht fühlen.