Bonn, im September

Das Schauspiel ist beklemmend und ermutigend zugleich: Ein Mann, auf dessen Warnungen und Empfehlungen seit zwei Jahren niemand in Bonn Wert gelegt hatte, für den man keine Zeit hatte, dessen Rat seine hohen Offizierskameraden im Luftwaffenführungsstab bei Gott nicht hören wollten und den der Minister persönlich kaum näher kannte, zieht auf dem dramatischen Höhepunkt einer Tragödie alle Hoffnungen auf sich. Ein Abwesender beherrscht die Bonner Szene. Die Hauptdarsteller des Trauerspiels – von den Explosionsblitzen der Todestürze aus der Ferne fahl angeleuchtet – warten auf einen Retter in der Not. Wird er kommen? Oder ist es ein „Warten auf Godot“?

Johannes Steinhoff, Fliegergeneral, ist nicht der Mann, der sich um eines großen Auftritts willen lange bitten ließe. Daß er sich eine Bedenkzeit von zehn Tagen ausbedungen hat, hat seinen guten Grund: Er ist, und alle wissen es, der einzige General, der die Luftwaffe aus ihrer schweren Notlage herausführen und sie auf die Zukunft im nächsten Jahrzehnt vorbereiten kann. Jene Zukunft, in der Umrüstungsprobleme ganz anderer Größenordnung und politischer wie militärischer Tragweite zur Debatte stehen werden.

Wenn Steinhoff jetzt als Nachfolger Generalleutnant Panitzkis das Amt des Luftwaffeninspekteurs übernähme, ohne nach menschlicher Vorausschau sicher zu sein, daß er Entscheidungsfreiheit und die unerläßlichen Befugnisse hat, jene Maßnahmen zu ergreifen, die ihm nötig erscheinen, dann würde er nicht nur seine eigene Chance – und seine Karriere, auf die es in diesem Fall zum Wohle der Bundeswehr noch ankommt – aufs Spiel setzen, sondern dabei auch Gefahr laufen, das letzte personelle Kapital der Luftwaffe zu verspielen.

Steinhoff steht für eine neue Art der Führung. Er könnte es sein, der zu einer jüngeren Führergeneration überleitet. Die Luftwaffe kann sich in ein oder zwei Jahren keine neue Führungskrise wegen des Starfighter-Flugbetriebes leisten. Was jetzt versäumt würde, was heute weiterverschleppt würde, müßte schon in naher Zukunft auf die Verantwortlichen zurückschlagen.

Die Gründe, die der Minister für die Entlassung General Panitzkis anführt, beweisen über jeden Zweifel erhaben, daß es sich bei der Ernennung des nächsten Luftwaffenchefs nicht um einen Nachfolger, sondern vielmehr um eine Revolution von oben handelt, die Johannes Steinhoff seit langem gefordert hat. Bliebe diese Reform aus, so würde die Berufung Steinhoffs ihren Wert verlieren.

Die Zustände auf der Bonner Hardthöhe gebieten dem Mann, auf den ohne sein eigenes Zutun die Wahl des Ministers fiel, Bedingungen zu stellen und Sicherheiten zu verlangen. Er darf nicht – er am wenigsten – das Vertrauen, das überall nach ihm ruft, enttäuschen, vor allem nicht das der jungen Flieger. Seine Hauptaufgabe ist es, die militärischen Super-Numerare im Führungsstab pensionieren zu lassen, ferner die Ignoranz und Inkompetenz rigoros auszuscheiden und die Arbeitsmethoden eines technisch versierten, modern denkenden und vom Ballast formalistischer Tradition freien militärischen Managements einzuführen. Mit anderen Worten: etwas zu schaffen, was es in der Bundeswehr bisher nicht gibt.