Seltsam, daß ab und an – und zwar bis in unsere Zeit – versucht wurde, auch auf ihn (nach dem Vorbild zahlloser Künstler) das Schema vom verkannten und darbenden Genie anzuwenden. Dabei ist die so überaus beliebte Schablone für sein Leben ganz und gar unpassend. Von Anfang an war es viel zu erfolgreich – ein Leben großen Stils in Palästen und Schlössern von Fürsten, Kardinälen, Herzögen, Königen und schließlich im eigenen, vierstöckigen Haus mit wertvollen Gemälden und eigener Dienerschaft.

Zwar stammte er aus recht einfachen Verhältnissen, doch hatte sein (63 Jahre älterer) Vater als „Leib-Chirurg und Geheimer Kammerdiener“ gute Beziehungen zur ersten Gesellschaft. Und das zahlte sich aus, als man die besondere Begabung des Jungen, für die es sonst in der Familie nicht das geringste Anzeichen gab, erkannte. Als dem Zwölfjährigen der Vater starb, brauchte die Ausbildung nicht etwa abgebrochen zu werden. Er besuchte eine Lateinschule, begann ein juristisches Studium, widmete sich aber dann mehr und mehr seiner Kunst, mit der er auch schon bald Geld zu verdienen wußte. Bereits mit neunzehn bestritt er damit seinen Lebensunterhalt.

Er fiel auf – auch dem Mann, der auf jenem Gebiet eine der bestangesehenen und bestbezahlten Stellen Deutschlands innehatte und der nun alt wurde und sich nach einem Nachfolger umsah. Aber traditionsgemäß war die Stelle nur durch Einheirat zu bekommen, und der Zwanzigjährige hatte keine Neigung, die schon ältliche Tochter seines Vorgängers zu ehelichen. Er hat überhaupt nicht geheiratet.

Wenig später begann seine erste große Zeit. In Hamburg hatte er einen Prinzen aus dem Hause Medici kennengelernt, der ihn an den Hof von Florenz empfahl. Und dort setzte sich der inzwischen 23jährige glänzend durch. Ebenso in Rom, in Neapel, Venedig. Man war begeistert und reichte ihn von Palast zu Palast, und überall feierte er Triumphe.

Noch keine 30, aber bereits weltberühmt, verließ er Italien, weil ein Fürst und künftiger König ihm eine gut dotierte, wirkungsreiche, ausbaufähige Stellung bot. Er wußte sie zu nutzen, verhältnismäßig leicht, schnell, aber bewundernswert sicher und unermüdlich arbeitend.

Freilich blieb auch sein Weg nicht ohne Rückschläge. Der erste wirkliche Schlag gegen ihn und sein Werk kam von einer neuen Kunstrichtung: Das Edle, Heldenhafte, Byzantinisch-Steife seiner Schöpfungen wurde durch etwas ganz Neues, ganz Entgegengesetzes, Lebensnahes, das das Publikum geradezu hinriß, außer Kurs gesetzt.

Er hat die Entwicklung nicht sogleich erkennen können. Er versuchte, großen Schwierigkeiten und finanziellen Einbußen zum Trotz so weiter zu machen wie zuvor. Und in diesem über Jahre sich hinziehenden Versuch hat er viel Kraft geopfert und sich beträchtliche Schulden aufgeladen. Doch war er zu klug, etwa bis an den Rand des Abgrunds zu gehen. Er hatte immer noch Reserven.