Dem Schriftsteller Hans Werner Richter, der seine in der DDR lebenden Familienangehörigen besuchen wollte, ist in der vergangenen Woche die Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung von den zuständigen Behörden verweigert worden. Warum wohl?

Richter hatte in seiner Eigenschaft als Chef der Gruppe 47 zu der Tagung, die im April dieses Jahres in Princeton (USA) stattfand, auch eine Anzahl von Schriftstellern aus der DDR eingeladen. Ostberliner Instanzen ließen ihn damals wissen, daß die Teilnahme von DDR-Autoren an der geplanten Tagung durchaus denkbar sei, doch müsse sich Richter mit dem Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR verständigen und die Liste der Eingeladenen mit ihm abstimmen.

Als Richter Verhandlungen mit dem besagten Verband ablehnte und sich jede Einmischung in die Liste der Eingeladenen verbat, wurde in Ostberlin offiziell erklärt, die Ausreisegenehmigung für die nach Princeton eingeladenen DDR-Autoren käme überhaupt nicht in Betracht. Und bei der Gelegenheit war vom amerikanischen Imperialismus die Rede, vom Vietnam-Krieg und von der Ford Foundation.

Daß die jetzt erfolgte Ablehnung einer Aufenthaltsgenehmigung für Richter im unmittelbaren Zusammenhang mit diesen Vorgängen steht, läßt die amtliche Begründung erkennen. Sie lautet: „Die Einreise westdeutscher Schriftsteller in die DDR ist im Augenblick nicht erwünscht, eine Ausnahme gilt nur für solche Schriftsteller, die besonders engen Kontakt mit dem Schriftsteller-Verband der DDR unterhalten.“

Während also in Ostberlin alles getan wird, um Beziehungen mit westdeutschen Schriftstellern zu verhindern, ist man in anderen kommunistischen Hauptstädten geradezu bemüht, solche Beziehungen anzuknüpfen. Denn fast gleichzeitig mit der Ablehnung der Genehmigung für die Einreise nach der DDR hat Richter Einladungen von offiziellen Stellen aus Moskau und Prag erhalten.

M. R.-R.