Karge 16 Tage Urlaub sind dem britischen Premierminister Wilson in diesem Krisensommer geblieben. Er hat sie in atlantischer Luft verbracht, die ihm noch immer – auch politisch – gut bekommen ist. Viel Zeit zum Nachdenken darüber, was in den vergangenen Monaten falsch gemacht wurde, hat er freilich nicht gehabt.

Dem Premier steht jetzt eine Woche der Entscheidungen bevor. Am Montag muß sich auf dem Gewerkschaftskongreß in Blackpool zeigen, ob Wilson noch Überzeugungskraft genug besitzt, dem mächtigsten Teil der eigenen Bewegung unliebsame Wahrheiten schmackhaft zu machen. Da aber die Trade Unions durch den Streit über den Lohnstopp geteilt sind, kann Wilson, selbst wenn er in rhetorischer Meisterform ist – nur einen knappen Abstimmungssieg für seine Wirtschaftspolitik erwarten. Aber das würde ihm genügen.

Eine Niederlage dagegen wäre in ihren Folgen unabsehbar. Sie ließe für den Labour-Parteitag im Oktober das Schlimmste fürchten, und sie müßte in der Londoner City und an den Weltbörsen mit Sicherheit neue Zweifel daran wecken, ob das britische Pfund überhaupt zu stabilisieren ist.

Die Gewerkschaften wollen vor allem wissen, wie es mit den angedrohten Zwangsmaßnahmen bestellt ist, die den Lohnstopp notfalls einklagbar machen sollen. Die Unternehmer dagegen verlangen eineinhalb Monate nach der Verkündung der Maßnahmen endlich eine Auskunft darüber, was geschieht, wenn sie die früher vereinbarten Lohnerhöhungen, die innerhalb des Stopps Wirksamkeit erlangen, getreu dem Buchstaben des Gesetzes ablehnen – und dafür von ihren Angestellten wegen Vertragsbruchs verklagt werden.

Nach diesem Gang in die Höhle der einheimischen Löwen muß sich Harold Wilson am nächsten Tag in die Gesellschaft der exotischen Premierminister begeben, die sich im Londoner Lancaster House zur diesjährigen und vielleicht letzten Commonwealth-Konferenz versammeln. Auch dort wird man über ihn herfallen. Es wird die Stunde der Rechenschaft über Rhodesien sein. Eine Stunde, auf die viele farbige Regierungschefs seit dem vorigen November warten. Seit dem Tag, da das Siedler-Regime abgefallen ist, hat Wilson seine Kollegen hinzuhalten vermocht. Aber die Wirkung der britischen Aktionen gegen Rhodesien ist bisher keineswegs so spürbar gewesen, wie das versprochen worden war.

Jetzt hat die Regierung Smith durch einen Gesetzentwurf, der die Deportation ohne Gerichtsverhandlung und auch außerhalb eines offiziellen Notstandes ermöglichen soll, die schwebenden Verhandlungen mit London brüsk als Farce offenbart. Rhodesien bleibt auf dem Weg zum Polizeistaat, es gibt keine Rückkehr zu einer Legalität nach britischem Muster.

Die afrikanischen Politiker werden Wilson jetzt Taten abverlangen. Freilich kann Wilson darauf beharren, Rhodesien auch weiterhin gewaltlos und gleichsam in britischer „Eigenverantwortung behandeln zu wollen. Damit kapitulierte er fürs erste vor Smith und riskierte den Auszug der Afrikaner aus dem Commonwealth, das dann nur noch ein „weißer“ Verband wäre. Wahrscheinlich schreckt ihn an dieser Lösung, gar nicht so sehr das Odium, als der Liquidator der Völkerfamilie zu gelten. Viel unangenehmer ist ihm eine andere Konsequenz dieser Schrumpfung: daß nämlich England dadurch sehr deutlich auf seine europäische Rolle hingewiesen würde. Überseeische Ohnmacht und ökonomische Krise lassen Großbritannien eine Partnerschaft in der EWG seit langem angeraten erscheinen. Aber London möchte den Entschluß nicht aus der Schwäche heraus treffen.

Karl-Heinz Wocker