FÜR Leser der meistgefürchteten amerikanischen Schriftstellerin dieser Jahre –

Mary McCarthy: „Eine katholische Kindheit“ – Erinnerungen (Originaltitel: „Memories of a Catholic Girlhood“), aus dem Amerikanischen von Maria Dessauer; Verlag Droemer Knaur, München; 264 S., 15,80 DM.

ES ENTHÄLT acht Kapitel einer Autobiographie, in den Jahren 1946 bis 1957 geschrieben, für die Buchausgabe mit einer Einführung und verschiedenen Zwischenkommentaren versehen.

ES GEFÄLLT, weil Mary McCarthy sich nicht scheut, ihren kühlen Blick, der ihr oft als Härte und Fühllosigkeit ausgelegt wurde, obwohl er nur ihr Unvermögen oder ihr Unwille ist, ihrer Intelligenz aus freundlicher Rücksichtnahme Zügel anzulegen – weil sich diese Frau nicht scheut, den kalten Blick auch auf sich selbst zu richten. Den eigenen Schlichen und Stilisierungsversuchen bleibt sie unablässig auf der Spur: so, wenn sie sich mit großer Selbstverständlichkeit in den Kommentaren korrigiert, wo immer sie sich in den erzählerisch abgerundeten Erinnerungskapiteln auf Lügen ertappt. Einer der Höhepunkte ist die Beschreibung ihres Abfalls vom römisch-katholischen Glauben ihrer Kindheit: wie sie, um in der Klosterschule endlich die ersehnte wichtige Rolle zu spielen, sich vornimmt, den Glauben zeitweise zu verlieren, ohne doch irgendwelche Argumente für ihren Unglauben zu haben, und wie sie beim Erfinden dieser Argumente dann tatsächlich den Glauben gründlich einbüßt. Niemals verliert sie sich bei diesen Erinnerungsgängen in die Jugend in pathetische Selbstentblößungen; immer behält sie ihre mißtrauische, nüchterne, eminent praktische Vernunft.

D. E. Z.