Nur die Bibeldrucke und die Lenin-Rotationen übertreffen die Auflage der Romane Jules Vernes in 82 Sprachen. Bisher. Denn auf die 808 auflagestarken Ausgaben fügt eine Jubiläums- und zukunftsbewußte Jules-Verne-Renaissance im Herbst 1966 die nächste Turmetage. 1866 erschien die „Reise von der Erde zum Mond“, die den Preis der Académie Française erhielt, und 1966, da wir den Mond bereits im Visier haben, ediert der Schweizer Diogenes Verlag eine Auswahl seiner berühmtesten Romane, und der Verlag, von Bärmeier und Nikel kündigt gar eine ungekürzte Gesamtausgabe in deutscher Sprache an.

Kurz vorher hatten die Pariser „Livres de Poche“ zehn seiner Romane millionenfach wiedererweckt. Niemand nämlich spricht den Pionieren künstlicher Paradiese so zeitgemäß nach dem Mund wie dieser Patriarch des erreichten Unerreichbaren.

Auf dem Mond waren schon viele: Lukian, Ariost, Campanella, Johannes Kepler, Cyrano de Bergerac unter anderen, ebenso Bischof Godwin und Münchhausen. Sie unterhielten sich mit lunarischen Existenzen. Dabei zerbrach sich keiner von ihnen den Kopf, wie er auf den Mond so stracks hinaufgekommen war.

Das tat erst Jules Verne, vor hundert Jahren. Er schickte ein Raumschiff.

Bis ins 18. Jahrhundert war sich niemand klar, ob die Altweibersommerfäden als Handarbeiten der Frau im Mond oder als feingesponnene Endprodukte von Herbstzeitlosen zu betrachten seien. Erst 1868 kam es an den Tag, daß winzige Spinnenkinder bei gutem Flugwetter nach den Riten der Raketentechnik kleine Seile ausstießen. Mit diesen Seilgondeln schwebten sie übers Feld. In großen Höhen begegnen Flugzeuge bisweilen kompakten Spinnengeflechtwölkchen.

Raketen hatten sich bis dahin nur als Signal- und Feuerwerkskörper bemerkbar gemacht. Daß man sich selber dranhängen konnte, wußten die Spinnen früher als die Ingenieure. Seit etwa 1860 jedoch, unabhängig von Spinnen und Ingenieuren, wußte es der Romancier Jules Verne aus Nantes, geboren 1828, gestorben 1905.

Unabhängig, nun ja, nicht unabhängig von Spekulation und technischer Einsicht, sondern an der Kinderhand des zeitgenössischen Pioniergenies. Das Erstaunliche war, daß Jules Verne voraussah, in welche Pranke sich die Kinderhand der jungen Technik in nächster Zeit verwandeln würde. Er schrieb seine „Voyages extraordinaires“ und wurde der universale und wissenschaftlich gebildete Karl May der Zukunftsschau. Jules Verne reiste nicht nur zum Mond, sondern hinab zum Mittelpunkt der Erde, zum Nordpol, 20 000 Meilen unter dem Meer und in achtzig Tagen rund um die Erde, wobei die kuriose Romantik dieser Blitzfahrt in den Pannen der Zug- und Schiffsanschlüsse bestand.