Stefan Kisielewski, der seit der Unterzeichnung des Protestschreibens der 34 Schriftsteller im März 1964 in Ungnade gefallen war, schreibt in der in Krakau erscheinenden katholischen Zeitschrift Tygodnik Powszechny unter dem Titel „Was wünsche ich meinem Volk?“: „Wenn mich jemand fragt, was ich dem Volk wünsche, antworte ich: Ich wünsche ihm, es möge aufhören zu existieren. Das soll nicht heißen, daß ich dem Volk einen schnellen Kollektivtod wünsche. Keineswegs! Ich wünsche ihm ganz einfach, es möge aufhören als Volk zu existieren und zum reichen Bürgertum werden.“

Dieser fromme Wunsch nach einer Besserung der materiellen Lage in Polen zieht sich wie ein roter Faden durch fast alle literarischen und publizistischen Arbeiten des populären Schriftstellers und Musikprofessors, der erst kürzlich sein Mandat als Sejm-Abgeordneter der katholischen ZNAK-Gruppe niedergelegt hat. „Ich sehe schon die empörten Mienen so mancher meiner Freunde, auch von der katholischen Presse, weil auch sie sich zu Spezialisten des Themas Fortschrittlichkeit entwickelt haben. Was, werden sie sagen, das reiche Bürgertum soll also für uns ein Ideal sein, für eine Nation, die schon in der Anlage links gerichtet ist? Warum auch nicht, erwidere ich. Natürlich unter der Bedingung, daß sie alle reiche Bürger werden. Schließlich tut der Reichtum ja nur vor dem Hintergrund der Armut weh. Reichtum als solcher ist nichts Schlechtes, und die Linke soll schließlich nichts anderes tun, als für die Gleichheit des Einkommens sorgen. Die Angleichung muß selbstverständlich nach oben und nicht nach unten erfolgen. Nicht alle sollen arm, sondern alle sollen reich werden!“

Das Bürgertum sei nicht von Natur aus ekelhaft, heuchlerisch und gedankenlos konservativ, fährt Kisielewski fort. Jede Volksschicht habe irgendwelche Widerlichkeiten. Alle Menschen „sind mit der Erbsünde“ belastet. „Das Bürgertum hat auch seine guten Seiten: Arbeitsamkeit, eine materielle und sittliche Tradition sowie Solidität. Gierig lausche ich den Berichten aller aus dem bürgerlichen Westen zurückkehrenden Menschen. Alle stellen sie eines fest: Dort wird schwer gearbeitet, mit Genauigkeit und Hingabe. Eine Tradition der soliden Arbeitsamkeit ist nicht zu verachten.“

Kürzlich habe jemand, schreibt Kisielewski weiter, in einer Zeitung festgestellt, daß dem polnischen Kellner ein Gast, der Alkohol trinkt, lieber sei als ein Abstinenzler. Darüber habe der Artikelschreiber sich sehr entrüstet und gefragt, wie diese Haltung eines Kellners in einem sozialistischen Lande überhaupt möglich sei. Ironisch antwortet Kisielewski auf diese Frage: „Wer hat eigentlich gesagt, daß im Sozialismus die ökonomischen Gesetze aufhören zu bestehen? Es war gerade der Sozialismus, der sich auf eben diese Gesetze berief. Die traditionelle Anerkennung des Marktes im Westen bewirkt, daß die tausendfachen Probleme in der Produktionsverwaltung und ihrer Organisation selbsttätig und ohne viel Lärm auf der Grundlage des präzis arbeitenden Mechanismus von Angebot, Nachfrage und Gewinn gelöst werden. Das ist bei uns sehr zu empfehlen!“

„Die Rückkehr zum bürgerlichen Materialismus, zur Solidität und Arbeitsamkeit würde uns ungeheuer nützlich sein, weil es uns an lebendigen Traditionen heutzutage verdammt fehlt.“ Ein gesunder Konservatismus ist nach Kisielewskis Meinung eines der wichtigsten „nationalen Bindemittel“. Leider fehle dieser in Polen, „wo in den mannigfachen Umwälzungen so viele Traditionen untergingen. Der Traditionalismus des Adels verschwand ebenso wie der des Judentums. Der konservative Traditionalismus des Bürgertums und sogar der des polnischen Klerus sind im Untergang begriffen. In manchen Landschaften überlebte einzig und allein der bäuerliche Traditionalismus.“ Diese Bauern stellten im heutigen Polen den „letzten Adel“ dar, während die Städte vom „Lumpengesindel“, wie der verstorbene Schriftsteller Stanislaw Mackiewicz zu sagen pflegte, bewohnt würden. Diesem modernen Plebs sei zu wünschen, daß er bald in einer neuen Tradition Wurzeln schlägt. J. K.