Der Moskauer Staatszirkus begann letzte Woche in Köln seine Deutschland-Tournee. Und wenn das Gastspiel auf die Ebene eines inoffiziellen Kulturaustausches hinaufgepäppelt worden war, mit diplomatischen Ehrengästen, zwei Bundesministern und dem sowjetischen Botschafter bei der Premiere: auch dieser Zirkus, als Nonplusultra artistisch akrobatischer Finessen gepriesen, blieb ein oller, ordinärer Zirkus.

Das Publikum betrachtet den Artisten wie den Selbstmörder auf dem Sims im achten Stock. Sein Daumen weist nach unten; zweitausend Jahre Zirkusspiele haben da nichts geändert.

Vor nicht so langer Zeit mußte ein russischer Dresseur eine kombinierte Raubtier-Pferde-Nummer abbrechen. Zwei Pferde wurden zerfleischt. Die Raubtiere, vom langen Transport nervös, rasten im Blutrausch. Das Publikum raste mit. Es war begeistert. Die Leute dachten allen Ernstes, das sei Absicht.

Im Programm des Staatszirkus tritt die Equilibristengruppe Eugen Milajew auf. Milajew balanciert, auf dem Rücken liegend, eine zehn Meter hohe Leiter auf den Füßen; indessen arbeiten auf der Leiter fünf Artisten gleichzeitig – eine der besten Leistungen, die in der Equilibristik je geboten wurden. Aber das Publikum war ungehalten. Es nahm übel, daß dünne Stahlseile die Obermänner sicherten.

Die Kunst des Artisten ist in unseren Augen keine Kunst. Wenn sie etwas darbieten, nennen sie es „arbeiten“, und arbeiten muß schließlich jeder.

Auch dort, wo das Publikum der Kunst körperlicher Fertigkeiten Anerkennung zollt, kann sich beim Zuschauer keine vergleichende Kennerschaft etablieren: der internationale Leistungssport hat der Zirkuskunst längst die Schau gestohlen.

Das Programm, mit dem der Moskauer Staatszirkus jetzt gastiert, knüpft an zwei große vorhergegangene Erfolge an und ist auf leichtsinnige Weise einseitig zusammengestellt: Hochseil und Trapez fehlen ganz.