Kürzlich hat die ZEIT die Rede abgedruckt, die Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier auf dem jüdischen Weltkongreß in Brüssel gehalten hat. Dr. Hans Robinsohn, Leiter des Unesco-Institutes in Hamburg, fühlte sich angeregt zu einer Antwort und Ergänzung.

Die Vergangenheit ist unabänderlich. Was wir über sie denken, wie wir sie analysieren – die Fakten sind da und versteinern zur Geschichte. Dieser Prozeß geht viel schneller vor sich, als wir, die dabei gewesen sind und das Erlebte als gegenwärtig empfinden, uns vorstellen. Daher wird diese Vergangenheit in 20 bis 30 Jahren eine andere Qualität erhalten haben. Dann, im Jahre 1990, wird nur noch für einen Bruchteil der Menschen die Vergangenheit lebendig sein – für einen Ausschnitt der 70- bis 90jährigen. Für die überwältigende Mehrheit wird sie endgültig zur Geschichte erstarrt sein.

Die Gefahr besteht darin, daß in diesem Prozeß auch unsere Verhaltensweisen erstarren. Das würde bei den Juden zu einem stereotypisierten Geschichtsbild der „bösen“ Deutschen, zu einer Erbfeindschaft – und Sippenhaftungs-Ideologie – führen, wohingegen man in Deutschland vor den Fakten flüchten würde, indem man das ganze Dritte Reich als einen Findlingsblock deutscher Geschichte betrachten und es so aus den Zusammenhängen deutscher historischer und gesellschaftlicher Entwicklung herauszulösen versuchen würde.

Beides würde einem freien, unbelasteten und vorurteilslosen Verhältnis zwischen jüdischen Menschen und dem deutschen Volk im Wege stehen. Der gegenwärtige, von Mißtrauen, Furcht und Emotionalismus beherrschte Zustand würde verewigt werden.

Das größte Hindernis auf dem Wege zur Besserung ist die weitverbreitete Angst vor einer Wiederholung des Geschehenen – wobei die Formen nicht die gleichen zu sein brauchten. Jedes Anwachsen von Antisemitismus in Deutschland, jede Ähnlichkeit mit vergangenen Symptomen wird Furcht und Mißtrauen vergrößern. Es besteht auch die Gefahr, daß man auf jüdischer Seite diese traumatische Angst rationalisiert und ein ganzes geistesgeschichtliches Gebäude errichtet, um damit zu beweisen, daß die Scheußlichkeiten des Dritten Reiches unlösbar mit den Anlagen des deutschen Volkes verbunden sind.

Eine derartige, alle Deutschen für immer brandmarkende Einstellung könnte bei diesen kaum eine andere Rückwirkung haben, als ihren sowieso starken Hang zur Selbstbemitleidung auszulösen. Sie würden sich ungerecht behandelt fühlen und stärker und verkrampfter als je die wirklichen Zusammenhänge zwischen Deutschtum, Nazismus und der „Endlösung“ ins Unbewußte verdrängen.

Soll eine solche Entwicklung vermieden werden, dann reichen Bekenntnisse edler Seelen nicht aus. Dann müssen unbequeme Tatsachen erkannt und anerkannt werden. Auch muß dies von dem Willen begleitet sein, aus ihnen Konsequenzen zu ziehen. Das gilt für beide Seiten.