Von Heinz-Günter Kemmer

Der Diplomkaufmann Gerhard Schneider ist in diesen Tagen ein vielbeschäftigter Mann. Sein Telephon wird nicht, mehr kalt. Wenn es klingelt, folgt mit nahezu tödlicher Sicherheit die Frage: Was soll nun werden? Schneiders Gesprächspartner sind zum kleineren Teil Journalisten zum größeren Teil Inhaber von Tankstellen. Kein Wunder, denn Gerhard Schneider ist alleiniger Geschäftsführer des Bundesverbandes Freier Tankstellen e. V., der in der Darmstädter Ernst-Ludwig-Straße residiert.

Die „Befragungsaktion“ wurde ausgelöst durch die spektakulärste Preissenkungsaktion für Benzin, die es in der Bundesrepublik je gegeben hat: Die Deutsche Shell AG senkte ihre Tankstellenpreise um bis zu 5 Pfennig je Liter, die übrigen großen Gesellschaften zogen murrend nach. Nimmt man die von der Esso AG ausgelöste erste Preissenkungswelle vom Frühjahr hinzu, dann sind die Tankstellenpreise in den Brennpunkten des Wettbewerbs um rund acht Pfennig je Liter zurückgegangen.

Der Biß des Esso-Tigers und das noch schmerzhaftere Kneifen der sich schließenden Muschelhälften der Shell ließen die Betroffenen aufschreien. Sowohl die im Darmstädter Verband zusammengeschlossenen „Unterpreis-Tankstellen“ als auch die „preistreuen“ Mitglieder der Hamburger Uniti Vereinigung Deutscher Kraftstoff-Großhändler e. V. beschworen den Untergang des Mittelstandes herauf. Beide sprechen von einem Vernichtungswettbewerb der großen Konzerne, wobei der Darmstädter Verband keinen Zweifel daran läßt, was seiner Meinung nach die Folge sein wird: „Der Verband ist überzeugt, daß die ausländischen Mineralölgesellschaften nach Vernichtung der freien deutschen Tankstellen den Verbrauchern die Rechnung präsentieren. werden.“

Nun soll der Bund helfen. Telegramme gehen nach Bonn, Ferngespräche werden geführt, die mittelständische Abgeordneten-Lobby ist in Alarmbereitschaft versetzt. Bonns prominentester Mittelständler, Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker, hat eine Überprüfung der Lage zugesagt, das Bundeskartellamt untersucht den Benzinmarkt. Die Großen sehen der Entwicklung äußerlich sehr gelassen entgegen. Sie glauben das Recht auf ihrer Seite.

Ihre Aktion ziele nicht auf eine Vernichtung der freien Tankstellen, so heißt es in den Hamburger Hauptquartieren. Ziel der Preissenkung sei vielmehr, den eigenen „Tankstellenpartnern“ ihre Existenz zu erhalten. Und schon nehmen auch die Großen mittelständische Argumente für sich in Anspruch: Ihre Tankstellenpartner seien ja schließlich auch mittelständische Betriebe, genau wie die Inhaber der Tankstellen, die ihre Tankstellen seit einiger Zeit mit einem schwarzen T auf weißem Grund und dem Zusatz „FREIE“, dem Symbol der freien Tankstellen, schmücken.

Die Unterstellung, sie planten einen Vernichtungswettbewerb, weisen die Großen weit von sich. Und die Frage eines wißbegierigen Journalisten, wie man denn den eigenen Partnern helfen wolle, ohne die freien Tankstellen zu treffen, fand eine ebenso salomonische wie unbefriedigende Antwort: Ziel der Preisaktion, so konnte man jüngst in der Hamburger Zentrale eines internationalen Konzerns hören, sei lediglich, die Zuwachsraten der „Freien“ zu bremsen und die eigenen Zuwachsraten wieder stärker steigen zu lasssen.