Blackpool, im September

Es wäre für den britischen Premierminister leichter gewesen, hätte er wenigstens mit ein paar Konzessionen nach Blackpool reisen können. So etwa, wenn er den tausend Delegierten, die ihm stehend Beifall spendeten – die Transportarbeiter blieben natürlich sitzen – angedeutet hätte, daß nach den rigorosen ersten sechs Monaten des Lohnstopps der Zwang ein bißchen nachlassen würde. Damit wäre Wilson der Opposition unter Frank Cousins so weit entgegengekommen, daß viele Delegierte einen klaren Unterschied zur Regierungspolitik nicht mehr gesehen und sich im Zweifelsfall an die alte Solidarität zur Labour Party gehalten hätten.

Aber von solchen Kompromissen konnte keine Rede sein. Wenn auch die Täuschungen über Englands Wirtschaftslage noch nicht in allen Schichten der Bevölkerung ganz verflogen sind – bestimmt nicht in allen 170 Gewerkschaften –, so ist zumindest der Premierminister inzwischen heilsam desillusioniert. Er hat in Blackpool die Selbstkritik einer Nation formuliert, die endlich einzusehen beginnt, daß sie seit Jahren über ihre Verhältnisse lebt – weil sie den hohen Lebensstandard und zugleich ihre Rolle als Weltmacht Beibehalten will, ohne zu doppelten Anstrengungen bereit zu sein. Ob Wilsons Alternative Entweder Lohnstopp oder Massenarbeitslosigkeit“ jeder nationalökonomischen Prüfung standhält, ist nicht ausgemacht. Aber seine These, höherer, Lebensstandard beruhe nicht allein auf höherem Lohn, hat keiner der Delegierten in Blackpool ernsthaft bestreiten können. Wilson hat dem Kongreß vorgerechnet, daß im Gegenteil der Wohlstand sinken muß, wenn sich wie bisher die Macht der Gewerkschaften nur am Lohnhebel und nicht auf der Produktionsskala bemerkbar macht.

Die Delegierten haben noch einmal den ganzen Katalog gewerkschaftlicher Sünden zu hören bekommen: daß vielerorts acht Beschäftigte die Arbeit von sechs tun, daß hochbezahlte Überstunden durch Langsamarbeit erzwungen werden (was die Kosten hochtreibt und die Konkurrenzfähigkeit vermindert) und daß es für begabte junge Leute in manchen Laufbahnen schwer ist, über den Status als Lehrling hinauszugelangen, weil die Unions sich gegen Nachwuchs sträuben, auch wenn die Branche ihn dringend braucht. All das haben den Gewerkschaften auch konservative Premierminister gesagt. Aber die hat man als voreingenommen bezeichnet und als Verbüncete der Unternehmer. Von Wilson das gleiche zu sagen, ist nicht ganz so einfach. Und so gaben sich die Delegierten denn auch nicht ganz verständnislos. Der Beifall blieb an diesen Stellen zwar schüchtern aber er war hörbar.

Wilsons Hauptforderung -war* die Waffen der Vergangenheit endlich zum alten Eisen zu werfen. Eine Wiederkehr der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre, die er dem Kongreß mit allen internationalen Konsequenzen an die Wand malte, müsse sonst die Gewerkschaftsbewegung so ungerüstet finden wie dazumal.

Aber hier beginnen die Zweifel, ob den Delegierten auch dieser Teil der Botschaft eingeleuchtet hat. Den Lohnstopp haben sie widerstrebend hingenommen, weil er schließlich längst Gesetz ist. Aber die Wurzeln des Übels wollen sie, wenn überhaupt, nur zögernd anpacken. Denn die Führer der britischen Gewerkschaftsbewegung sind heute im Durchschnitt etwa sechzig Jahre alt. Sie haben die Krise von 1931 als junge Arbeiter erlebt, die aus ihrer Laufbahn geworfen wurden. Harold Wilson war damals ein Schulbub. Ihm trauen sie keine rechte Erinnerung an das Massenelend von damals zu. Daher trichterten sie den jungen Gewerkschaftlern, die eher der Unbefangenheit. der Generation Wilsons und George Browns zuneigen, ihr politisches Testament ein. Und das lautet: Jeder Fußbreit eines einmal eroberten Vorrechts muß verteidigt werden, auch wenn in Downing Street noch so sehr über den Pfundkurs und den schwindenden britischen Einfluß in der Welt geklagt wird.

Wilson mag also sein Nahziel erreicht und den Gewerkschaften die Notwendigkeit des Lohnstopps unmißverständlich vor Augen geführt haben. Was er aber nicht erreicht hat, weil dazu auch zehn Reden von noch größerer Eindringlichkeit nicht ausgereicht hätten, war eine Zusage der britischen Gewerkschaften, daß sie in einem Zeitraum von etwa sechs bis acht Jahren das überholte System ihrer Defensivrechte gegen moderne Arbeits- und Lohnbedingungen einzutauschen bereit sind. Ja, der Erfolg des Augenblicks mag sogar dieses Fernziel noch weiter hinausgerückt haben. Gerade weil der Premierminister jedes Entrinnen vor dem Lohnstopp unmöglich gemacht hat, werden sich die Gewerkschaften erst recht in ihren alten Gräben verschanzen.

Karl Heinz Wocker