Von Wilhelm Treue

Hermann Böhme: Entstehung und Grundlagen des Waffenstillstandes von 1940. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 464 Seiten, 43,– DM

In der ZEIT vom 22. Juli wurde die Forderung erhoben, die deutschen Hochschul- und die Bundeswehr-Historiker sollten sich stärker als bisher der Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Zweiten Weltkrieges zuwenden. Während dieser Wunsch formuliert wurde, war es bereits geschehen: Ein ehemaliges Offiziersmitglied der deutschen Waffenstillstandskommission von 1940 (und danach bis 1943 deren Chef des Stabes) präsentiert sich ein Vierteljahrhundert später als glänzender Historiker eines wirtschaftlich und darüber hinaus politisch sehr wichtigen Ereigniskomplexes des Zweiten Weltkrieges. Zunächst einmal beweist er, wieviel Quellenmaterial zu einem solchen Thema zusammengetragen werden kann: soviel, daß eines der am dichtesten geschriebenen und inhaltsreichsten Bücher zum Zweiten Weltkrieg entstanden ist, was freilich nicht zuletzt auch darauf beruht, daß der Verfassen, dieses Material wieder und wieder aufs sorgfältigste durchdacht und das Ergebnis in hervorragend abgewogenen Sätzen dargestellt hat.

Während das erste „Buch“, das dem Abschluß des Waffenstillstandes und den dazugehörigen Verträgen gewidmet ist und eine sehr umsichtige Behandlung der Themen „Compiègne 1918 und 1940“ und „Waffenstillstand oder nicht?“ enthält, eigentlich hauptsächlich die Grundlage für die weitere Darstellung schafft, wendet das zweite sich den „Grundlagen der Waffenstillstandspolitik“ zu. Mit vorbildlicher Genauigkeit werden die Verhandlungsapparate auf den deutschen, italienischen und französischen Seiten geschildert. Hitler, das Führerhauptquartier, die Reichsregierung sowie die vielen militärischen und nichtmilitärischen Dienststellen mit ihren verschiedenen und wechselnden Absichten in bezug auf Frankreich (und England) noch während des Krieges und erst recht in der Nachkriegszeit: Totale Niederwerfung oder Eingliederung in ein „Neues Europa“, Trennung von den Kolonien und deren Aufteilung unter Deutschland, Italien, Spanien, England und Japan, oder Konservierung dieses politisch und wirtschaftlich wertvollen Komplexes unter Deutschlands Oberherrschaft.

Dabei ergeben sich nicht allein für die vielen Wechsel der Auffassungen im Sommer 1940 und später, sondern auch bei den Urteilen über Personen – zum Beispiel über den deutschen Botschafter in Paris Abetz und über das Verhältnis Göring-Ribbentrop – Tatsachen und Gesichtspunkte, die bisher von der Forschung kaum berücksichtigt worden sind. Auch die besonderen Probleme der italienischen Seite werden ausführlich dargelegt – so bei der Behandlung der Tatsache, daß es eine spezielle Rüstungswirtschaft in Italien überhaupt nicht gegeben hat und daher auch keine Fachabteilung für solche Fragen bei der italienischen Waffenstillstandskommission, sowie der ängstlich-mißtrauischen Haltung der Italiener gegenüber der vorübergehenden Verbesserung des deutsch-französischen Verhältnisses und einem etwaigen deutsch-englischen Arrangement, die beide am Ende die ohnehin nicht sehr starke Position Italiens schmälern und seine Gewinnaussichten verringern mußten.

Schließlich die französische Seite – sie ist im Grunde die interessanteste und wird von Böhme mit großer Sachkenntnis und feinem politischen Empfinden dargestellt: Die schwierige Ausgangslage nach dem materiellen und geistigen Zusammenbruch, die Zusammensetzung und Lebensweise der französischen Delegation von der ersten Begegnung in Compiègne bis zur jahrelangen Tätigkeit in Wiesbaden, schließlich die Spannungen unter den französischen Institutionen selbst, wobei der Botschafter de Brinon ähnlich abgewogen-vorsichtig beurteilt wird wie auf der deutschen Seite Abetz.

Die beiden letzten Kapitel bilden die Glanz- und Höhepunkte des Buches. Betrachten wir zunächst das über die deutschen Kriegsziele und Friedenspläne. Es gibt in der deutschen Literatur bisher nichts, was Hitlers Frankreich-Politik bis zum Kriege, die allmähliche Gestaltung der Kriegsziele, die Vorbereitung des Friedens sowie die territorialen, wirtschaftlichen und kolonialen Kriegsziele auch nur annähernd so kenntnis- und gedankenreich dargestellt hat wie dieses Kapitel in Böhmes Buch. Ergebnis: Eine Fülle von Widersprüchen in den Zukunftsvorstellungen, die bald die Vernichtung Englands, bald seine Stärkung als Ordnungsmacht im Einverständnis mit dem Dritten Reich zur Voraussetzung, bald ein riesiges deutsches Kolonialreich, bald Frankreichs weitgehende Zerstückelung und Schwächung und dann schließlich seine Schonung in Europa und Afrika zum Ziele hatten.