Die glänzendste Immobilien-Transaktion des 20. Jahrhunderts braucht genau 100 Hektar Grund und Boden. Sie hat alle Grundstücksspekulationen des zweiten französischen Kaiserreichs bei weitem übertroffen. Der Baron Haussmann, der Bankier Pereire und ihre riesigen Unternehmungen im 19. Jahrhundert, die Paris zu seinem jetzigen Aussehen verhalfen, wurden von einer kleinen Gruppe von Franzosen geschlagen, deren Durchschnittsalter bei 35 Jahren liegt. Ehrgeizige junge Leute, die sich nach der neuesten englischen Mode kleiden und italienische Langhaarfrisuren tragen. Sie heißen Solal, Jonqua, Balick, Balkany und Beauvau-Craon (Prinz von!).

Angesehene Banken wie die Banque de Suez et de L’Union des Mines, Banque d’Indochine, Union Parisienne, Lazare und die Societé Generale unterstützen sie. Und der Clou des ganzen Unternehmens: das „Consortium Parisien de l’Habitation“ ist eine Aktiengesellschaft, deren Schöpfer praktisch ohne einen Pfennig Eigenkapital in den Genuß eines saftigen Prozentsatzes an „Handlungsunkosten“ gelangen. Die jungen Leute sind die Manager einer neuen „Lebensart“ (wie sie es nennen), eines neuen „Verkaufsstils“ (wie die Presse schreibt) oder auch eines neuen Stils zu träumen. Ihr Traum heißt Parly 2 – eine Ansammlung von 10 000 Wohnungen, die eine Stadt für 25 000 Bewohner bilden.

Vom Architektonischen her bietet das Projekt nichts Revolutionäres wie einst der 17stöckige „Wolkenkratzer“ der Cité Radieuse von Le Corbusier in Marseille. Vierstöckige Wohnbauten im Loggia-Stil, Mittelpunkt einer jeden Wohnung ein großer Aufenthaltsraum, insgesamt jeweils vier bis sechs Zimmer. Was so außerordentlich wirkt, ist der Werberummel, der um die simplen Bauten entfacht wurde; die romantische Aura, die die prosaischen Steinklötze umgibt.

Man spricht von einer zweistelligen Millionensumme, die allein die Zeitungsanzeigen gekostet haben sollen – kein Wunder also, wenn 1000 Wohnungen mit einem Quadratmeterpreis von 1450 bis 2280 Franc (1000 Franc sind etwa 800 Mark) binnen zehn Tagen verkauft oder, besser gesagt, an den Mann gebracht wurden; die Manager hatten mit dieser Zahl erst nach einem halben Jahr gerechnet. Jeder Käufer darf sich von sofort an als Auserwählter fühlen, der den Schlüssel zu einem bis dato unzugänglichen Paradies besitzt. Auch sie, die Käufer, sind im Schnitt etwa 35 Jahre alt, und es sind die Luxuswohnungen, die sich an sie am leichtesten verkaufen lassen, während 6000 fertiggestellte andere Wohnungen in der Umgebung von Paris leerstehen.

Leere herrscht allerdings vorläufig auch noch auf dem Gelände von Parly 2. Die Arbeiten haben noch nicht begonnen, ein Teilabschnitt mit 500 Wohnungen soll Ende Oktober 1967 beziehbar sein. Gegenwärtig existieren auf dem Bauplatz nur ein – riesiges eingezäuntes Gerüst, ein winziges Schwimmbecken (das an Sonnentagen freilich seine Wirkung tun mag), ein eleganter Drugstore (wie man in Frankreich neuerdings Bars und Bistros zu nennen pflegt), ein Verkaufsraum mit vier Musterwohnungen sowie ein kurzgeschorenes, unwirklich grünes Stückchen Rasen, auf dem einige abstrakte Statuen der Zukunft von Parly 2 entgegenharren.

Geblendet von so viel Glanz träumen die Besucher von Parly 2 bereits von ihrem zukünftigen Leben in einer Umgebung, die ganz und gar ihren kühnsten Erwartungen entspricht. Man schwärmt von schattigen Baumgruppen, majestätischen Alleen, schimmernden Swimmingpools unter sommerlichem Himmel. Niemals zuvor hat man wohl in Frankreich oder auch in Europa dem Geschmack des Publikums so gekonnt geschmeichelt wie hier. Allerdings darf man sagen: Das Projekt ist nicht nur ehrgeizig, es verrät auch städtebauliche Intelligenz.

Beschränken wir uns auf eine knappe Aufzählung. Das Herz von Parly 2 soll der besagte Drugstore bilden – ein Gegenstück zu drei ähnlichen mondänen Etablissements in Paris auf den Champs-Elysées, bei der Oper und in St.-Germain-des-Pres. Um ihn gruppiert sich ein Einkaufszentrum mit einer Fläche von 90 000 Quadratmetern, das Geschäfte aller Art umfassen soll: von kleinen Luxusboutiquen bis zu regelrechten Supermärkten und Warenhäusern – und zwar immer mehrere Exemplare von jeder Spezies, um die Konkurrenz zu fördern.