Von Peter Härtling

Als er fünfzig Jahre alt wurde, mußte er dem Ansturm der Bewunderung entfliehen und den ereignisvollen Tag fern von Wien, „irgendwo am Meere“, zubringen. Es hat Dichter gegeben, die älter wurden und unbelästigt von Gratulanten an ihrem Wohnsitz bleiben konnten. Unsere Explosionen haben keine Ursachen mehr. Die Zeit ist ein Knockabout: eine Flaumfeder fällt, und die Erde dröhnt. (Karl Kraus: „Schnitzler-Feier“ in „Die Fackel“, Juni 1912.)

Da springt die Ungerechtigkeit über jede Hürde und höhnt mit solcher Meisterschaft, daß man fast den Gegenstand des Hohns vergißt; die sprichwörtlich gewordene Donnerwirkung des Federchens hat man als Wahrheit im Ohr. Sie ist es nicht.

Warum bewundere ich Kraus selbst dann noch, wenn ich diese hanebüchenen Unterstellungen, Irreführungen, Gemeinheiten gelesen habe, dieses Stück nuancierter Impertinenz? Geht es mich etwas an, ob dem persönliche Querelen vorangegangen sind? Ich wehre mich. Ich will keine Charakterstudien treiben. Oder doch? Wen prügelt Kraus, um Schnitzler zu treffen? Dessen Apologeten – Georg Hirschfeld („dieser entartete Berliner verdient es wirklich nicht, daß es eine Untergrundbahn gibt“) oder Hermann Bahr, „allerlei Feuilletonistenvolk“, unter das sich, zu seinem Bedauern, freilich auch die Dichter Wedekind, Heinrich und Thomas Mann gemischt haben und die Gelegenheit benützen, „die Bedeutung des Schnitzlerschen Schaffens weit über alles in der heutigen Literatur vorrätige Maß anzuerkennen“.

Warum bewundere ich ihn? Er hätschelte seine Perfidie, er formte und normte sie, er unterschlug, als Kritiker, was ihm nicht paßte; und was ihm paßte, paßte ihm nicht. Er knetete den Neid zum zynischen Satz, die eigene Qual zum Aperçu, das andere vernichtete. Oft richtete und rechtete er wie ein blinder König, der sich zum sehenden erklärt hat und am Ende auch glaubte, daß er sah. Er sah viel, sah voraus; doch im Übersehen übertraf ihn keiner.

Mit platten Zusammenfassungen packt man ihn nicht, auch nicht mit der Aufzählung von halb zutreffenden, halb falschen Charakteristika (ich höre ihn spotten). Er macht mich wütend. Den Schnitzler-Aufsatz, die Heine-Explosion, sie verzeihe ich ihm nicht. Wie putzte er seine Selbstgerechtigkeit. Was hatte ihn zu dieser Schlägerei bewogen?

Schnitzler war, um die Jahrhundertwende, erfolgreich. Die er melancholisch und bitter porträtierte, applaudierten ihm. Ebenso heftig wurde er befehdet. Nicht von Kraus, sondern von den in ihrer säuerlichen Ehre gekränkten Kleinmütlern. Wer Schnitzler heute liest, vor allem seine Erzählungen, wird nicht verstört, verärgert durch zeitgebundene Schnörkel, durch Plüschmetaphorik – diese Sprache ist akkurat, zart und gleichmütig, sicher in der Tongebung: Sie hat die Zeit, die sie spricht, überwunden.