Im Februar 1936 erschien in Wien das letzte Heft der „Fackel“, jener giftigroten kleinen Zeitschrift, die 37 Jahre lang immer begeisterte, immer empörte, aber nie laue Leser gefunden hatte. Was wohl damit zusammenhing, daß Karl Kraus, der Herausgeber und (fast) alleinige Autor mehr erbitterte Feinde und mehr erbitterte Freunde hatte als je ein anderer Schriftsteller und daß es für ihn selber wiederum beim Umgang mit Menschen nur uneingeschränkte Freundschaft oder noch uneingeschränktere Feindschaft gab.

„Kein tönendes ‚was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚was wir umbringen‘“ so skizzierte Kraus, die Wörter jonglierend, das Programm der Zeitschrift im ersten Heft vom April 1899. Und er machte sich daran, die österreichische Art und Unart auseinanderzunehmen, Intrigen, Schwächen und Mißstände bloßzulegen und sie dann im Säurebad seiner Formulierungen in das ihnen gebührende Nichts aufzulösen.

Es war ein langer Weg von jenem ersten Heft und den Tagen des fröhlichen Fechtens (das nur daran litt, daß Kraus nie einen satisfaktionsfähigen Gegner fand) bis hin zu jenem „zu Hitler fällt mir nichts ein“ von 1933, dem Schweigen, schließlich jenen letzten Februar-Nummern 917–922 der „Fackel“. Drei Monate später, im Juni 1936, starb Kraus; selbst sein Tod, nicht ganz zwei Jahre vor dem „Anschluß“ und dem endgültigen Beginn der von ihm vorausgesehen „Dritten Walpurgisnacht“, mutet an wie ein Kommentar zu dieser Welt: man kann sie nur verlassen.

Die Zeiten und die überlebenden Kraus-Jünger haben dafür gesorgt, daß sein Name inzwischen nicht vergessen wurde, die Vierte Walpurgisnacht fest im Auge und die Eichhörnchen-Ration auf dem Bord der Speisekammer hat heute jeder kleine Kerr seinen Kraus zitierbereit. Auch Pessimismus will ja schick verpackt sein, und den Namen Kraus mal schnell in die Debatte zu werfen, macht sich immer gut.

Noch schlimmer als jene munteren Zitierer aber sind die kleinen Leichenfledderer, sie kommen daher, pflücken sich einen Krausschen Witz ab und zieren damit ihr Knopfloch – schon zu seinen Lebzeiten hatte Kraus das erfahren müssen (und selber so formuliert), aber nachdem niemand mehr seine rächende Feder zu fürchten braucht, stiehlt es sich. noch unbefangener. Und wenn zum Beispiel Wolfgang Neuss größten Beifall einheimst mit dem Satz „Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muß sie auch nicht ausdrücken können“, dann findet man zwar, daß er noch nie so recht gehabt hat wie hier mit diesem Satz, andererseits ist der Raub doch zu unverschämt, vor allem wenn man die Abgründe bedenkt, die zwischen dem Dieb und dem Bestohlenen klaffen.

Man kann nicht (wie er selber es leider bei Heine versucht hatte) Kraus für die Folgen verantwortlich machen, für die Meute der Pseudosatiriker und Witzereißer, die auf ihn pochen. Die ungeheure Kraus-Renaissance der letzten Jahre hat aber etwas Erschreckendes vor allem deshalb, weil die wenigsten, die so genüßlich mit diesem Namen hantieren, sich diesen Menschen und dieses Werk auch nur annähernd vergegenwärtigen können. Gewiß, es gibt die von Kraus’ Freund Heinrich Fischer edierten vierzehn Bände (zehn davon erschienen im Kösel-Verlag, vier bei Langen-Müller) der „Werke“, man kann sogar in einem Band der „Bücher der Neunzehn“ einige funkelnde Aphorismen, Kraus’ anfechtbarsten Essay (über Heine) und seine vielleicht schönste Huldigung (an Nestroy) mitsamt einigem anderen nach Hause tragen.

Aber dieser Extrakt täuscht, abgesehen davon, daß er es dem Leser zu leicht macht. Kraus, in seiner Genialität und in seiner Enge, ist nur in der „Fackel“, in jenem Monument von rund 25 000 Seiten – eine oft faszinierende, oft ermüdende, zur Kenntnis von Kraus aber unerläßliche Lektüre. Denn um der Wahrheit willen (und Kraus kann diese Wahrheit gut vertragen) gehören zu ihm nicht nur die pointierten Aphorismen und die geschliffenen Essays, nicht nur die vorausschauende Kritik und das visionäre Pathos, die wir heute so staunend bewundern, zu Kraus gehören schließlich auch Eitelkeit und Bosheit, ein oft unerträgliches Insistieren und Feilschen, die Überschätzung von Vorfällen und Verteufelung von armen Schluckern. Der Leser der „Fackel“ kann einerseits Zeuge werden, mit wie scharfem Blick Kraus schon ganz früh die Begabung von Else Lasker-Schüler erkannte, er muß andererseits, um solcher Funde willen, ein oft unerträgliches Gerümpel von aufgeblasenen Bagatellen und Miniaturquerelen durchwaten.