Von Uwe Nettelbeck

Will Tremper nimmt sich zwischen den jungen deutschen Filmemachern, die dabei sind, endlich die Filme zu drehen, auf die wir so lange gewartet haben, kaum weniger seltsam und deplaciert aus als zwischen den greisen Bankrotteuren, an deren Seite er sich in das Geschäft hat verwickeln lassen: Er ist in jeder Hinsicht unmöglich. Den Jungen ist er nicht seriös genug, zu wenig kunstbeflissen, den Alten ist er zu oft in die Quere gekommen, die einen sagen, er habe sich zu bereitwillig kompromittiert, die andern werfen ihm vor, daß er nicht ihr Spiel spielt, alle zusammen halten sie ihn für einen unzuverlässigen Bruder, der so seine Ideen hat.

Als er anfing, Filme zu machen, 1960 drehte er den Ost-West-Western "Flucht nach Berlin", hatte er schon einiges hinter sich und bereits den Ruf weg, der ihm noch heute anhängt: Schon damals schien er es darauf anzulegen, Feinde zu sammeln wie andere Leute Briefmarken. Seine im Stern veröffentlichte Serie "Deutschland deine Sternchen" erzählte mehr schmutzige Geschichten, als es den Betroffenen lieb war, und dies auf eine Weise, die alles andere als vornehm war; außerdem hatte er das Kunststück fertiggebracht, sich neben seiner enormen Illustrierten-Aktivität bei der Filmindustrie einen Namen zu machen und Drehbücher zu verfassen, die verfilmt wurden.

Und doch war das alles nichts gegen das, was kam, als er anfing, selber Filme zu machen: Ob er sich nun, um seine Illustrierten-Pfründe nicht einzubüßen, einen Ghostwriter anschaffte, oder seinen Kameramann verdrosch, weil der, ein Mann vom Bau, um seinen guten Ruf besorgt, nicht filmen wollte, was Tremper, dieser Dilettant, ihn zu filmen hieß. Wie er schließlich seine Filme finanziert hat, das weiß außer ihm keiner ganz genau, fest steht nur, daß es dabei so dunkel wie abenteuerlich zugegangen ist. Fest steht aber auch, daß dieser Mann früher als alle anderen damit angefangen hat, den eingefahrenen Produktionsmethoden den Kampf anzusagen und auf eigene Faust Filme zu drehen. Und das war damals nicht so einfach, wie es heute ist, und es gehörte eine Robustheit dazu, die nur er an den Tag zu legen verstand, eine Robustheit, der jedes Mittel recht ist.

Sein zweiter Film, "Die endlose Nacht", brachte die Kritik auf seine Seite: Es war dies eigentlich der erste deutsche Film nach dem Kriege, in dem etwas passierte, was sich anzusehen lohnte; eine Art des Filmens deutete sich in ihm an, auf die man setzen konnte. Tremper hatte, um den Film drehen zu können, sein vorletztes Hemd ins Pfandhaus getragen, und es schien alles verloren, als "Die endlose Nacht" an den Kinokassen ein sagenhafter Mißerfolg für alle Beteiligten wurde, auch Hanns Eckelkamps Atlas-Verleih, bei dem Tremper Unterstützung gefunden hatte, mußte die Verlustrechnung aufmachen.

Doch jemand wie Tremper fällt anscheinend immer wieder auf die Füße. In diesem Jahr hat er zwei weitere Filme gedreht, davon den einen für einen alten Produzenten nach dessen Entwurf und im festen Auftrag, um den anderen weiterfinanzieren zu können: "Playgirl" und "Sperrbezirk". Die "Sperrbezirk"-Geschichte hat er in der ZEIT erzählt; von diesem Film ist kaum etwas übriggeblieben, die Fassung, die der Gloria-Verleih vertreibt, bietet die komischen Reste eines lustigen Films, der von seinem Produzenten auf die Linie einer ernsten Geschichte von einem gefallenen Mädchen getrimmt worden ist. Der Film "Playgirl" aber, den Tremper, als ihn kein Verleiher haben wollte, direkt an die Kinos verkaufte, ist, obwohl die Anderthalb-Stunden-Fassung des überlangen Werkes auch nach kommerziellen Gesichtspunkten hergestellt wurde, neben Alexander Kluges "Abschied von Gestern" das Beste, was der junge deutsche Film bisher hervorgebracht hat.

Ein Mädchen, das zur Tür hereinkam, ach, dich gibt es auch noch: So fing das alles an mit "Playgirl". Will Tremper beschloß in einem Augenblick, wir drehen einen Film: Ein Mädchen kommt nach Berlin. Und wie kommt ein Mädchen nach Berlin? Im Opel eines Bekannten, der gerade Zeit hatte, über die Avus am Morgen. Sie wacht auf, sie sieht den Funkturm, fragt, ist das der Funkturm – eine geliehene Kamera mit einem Für-enge-Autos-Weitwinkel ist zur Stelle. Mit dieser Szene fängt der Film "Playgirl" an, ein Film voller Überraschungen.