Karl Adam ist besonders als Trainer des „Ratzeburger Achters“ bekannt.Der Obergefreite W. war ein unmöglicher Soldat. Zwar erfüllte er zur Zufriedenheit seine dienstlichen Obliegenheiten als Rechner in einem schweren Flakmeßzug, einer jener Einheiten also, die mit Kinotheodoliten den Abstand der Sprengpunkte vom flugzeuggeschleppten Luftsack beim Übungsschießen schwerer Flak feststellten. Doch ermangelte er völlig jener Tugenden, die von allen Kennern seit Friedrich dem Großen als die eigentlich soldatischen gerühmt werden. Seine Uniform war stets irgendwo schief geknöpft, schadhaft oder fleckig, der Stahlhelm hing auf seinem beuligen Schädel wie der Nachttopf auf der Stange einer Vogelscheuche.

Wenn ein besonders scharfer Stabsoffizier den Schießplatz an der bretonischen Atlantikküste aufsuchte, lief ihm bestimmt der Obergefreite W. in den Weg, ohne ihn zu sehen, geschweige denn zu grüßen. Jedem, der selber Soldat war, ist klar, welche Katastrophen dadurch ausgelöst wurden. Frauen und jüngere Männer, die das eigentümliche Sozialgebilde einer Armee nicht aus eigenem Erleben kennen, muß man vielleicht darauf hinweisen.

W.s Dienstvorgesetzter, Oberleutnant A., ein intelligenter, gutmütiger Riese, war bei seinen Untergebenen beliebt, weil er es mit der Fürsorge für sie ernst nahm und ein tüchtiger Ingenieur und Soldat war. Wenn er hören mußte: „Sagen Sie mal, Herr A., was haben Sie da eigentlich für eine komische Figur in Ihrem Haufen? Wenn Sie auch keine Kampfeinheit führen, müssen Sie doch ein bißchen auf Disziplin sehen. Sind ja schließlich auch Soldaten, Ihre Rechner!“ dann schmerzte ihn das tief; statt ihn zu belustigen, stimmte es ihn rachsüchtig gegen den schuldig unschuldigen Urheber des Rüffels, und er griff zu erzieherischen Maßnahmen.

Ich hatte nur einmal Kontakt mit W., der in Wien vor seiner Einberufung zwei Semester Germanistik studiert hatte. Als wir darum stritten, wer die meisten Morgensterngedichte auswendig wußte, hätte er mich beinahe mit einer selbstgebastelten Nachahmung hereingelegt.

An einem Spätsommertag war für den schweren Meßzug Sport angesetzt. Die Handballauswahl sollte ein Übungsspiel austragen. Für die erste Mannschaft, der W. angehörte, befahl der Dienstplan ausdrücklich blaue Hose, weißes Hemd. W. erschien in weißer Hose, weil die blaue in der Wäsche war. Oberleutnant A. kochte über, befahl W., mit einem Reservespieler die Hose zu tauschen. W. versuchte, sich zu weigern, wurde angebrüllt, führte schließlich den Befehl aus.

Am Abend des gleichen Tages meldete die Aufklärung vor der Küste britische Schnellboote. Die angeordnete Alarmstufe befahl verstärkten Streifendienst, Mannschaften und Offiziere mußten mit griffbereiten Ausrüstung angekleidet auf den Betten liegen.

Gegen 2 Uhr nachts wurden drei Unteroffiziere, die den Barackenraum neben Oberleutnant A.s Zimmer bewohnten, durch eine starke Detonation aus dem Halbschlaf gerissen und sahen den Sternenhimmel über sich. Das Barackennach war weg.