Von Josef Müller-Marein

In der schrillen Symphonie der Kritik, die dem Verteidigungsminister entgegenschallt, gibt es auch melodiöse Stimmen. Sie finden sich zu harmonischen Akkorden, sobald das "Seitenthema" auftaucht: Neubesetzung jener hohen militärischen Führungsposten, die von den Generalen Trettner und Panitzki geräumt wurden. Johannes Steinhoff hat sich inzwischen entschlossen, die Luftwaffe als Inspekteur zu leiten. Als neuer Generalinspekteur der Bundeswehr ist Ulrich de Maiziere bereits im Amt. Und allenthalben lautet die Melodie: "Besser find’st du nit." Doch ist damit noch lange nicht gesichert, daß das "Seitenthema" zum "Hauptthema" werden und die Dissonanzen in der Diskussion um Hassels Versagen verstummen lassen könnte.

Weit hergeholt – diese musikalischen Begriffe? Ulrich de Maizière, der 1912 in Stade geboren wurde, ist nach dem Abitur nicht gleich zum Militär gegangen. Er hat, nachdem er das humanistische Gymnasium in Hannover absolviert hatte, erst einmal einen Umweg gemacht. Er hat das Konservatorium besucht, weil er Pianist werden wollte, ehe er 1930 als Fahnenjunker in die Reichswehr eintrat. Tatsächlich wird man behaupten können, daß er heute unter allen Generälen der Welt derjenige ist, der am besten Klavier spielt.

Er sieht auch ein wenig danach aus: hohe Stirn und ein Ausdruck lächelnder Nachdenklichkeit, wie man ihn Künstlern gern zubilligt. Die Augen jedoch blicken scharf (durch Brillengläser). So stellt man sich Professoren vor. Und ein Intellektueller ist er sicherlich. Ob er, der nichts "Zackiges" an sich hat, leicht Karriere machte beim Heer?

Kürzlich hat ein Autor, der eine Untersuchung über die deutschen Soldaten machen will und einem Führungsstab der Bundeswehr ein entsprechendes Exposé einreichte, in dem er auch etwas über die "intellektuelle Haltung" des Offiziers erwähnte, beim Wiedersehen hell auflachen müssen. Die Worte "intellektuelle Haltung" waren unterstrichen, und am Rande des Papiers fand sich die Bemerkung: "Ja, sind die denn noch zu retten?"

Solche Randbemerkungen werden sich die Herren zukünftig wohl verkneifen müssen. Denn an der Spitze unserer Soldaten steht jetzt General de Maizière: ein Intellektueller. So war es dem Leutnant von 1933, dem Oberleutnant von 1935, dem Regimentsadjutanten von 1938 denn vorbestimmt, im Generalstab seinen Weg zu machen. Das hinderte freilich nicht, daß er, als er Generalstabsoffizier bei einer Panzerdivision war, die Front in Polen und Rußland gründlich kennenlernte und verwundet wurde. Danach wurde er Spezialist für Organisationsfragen beim Oberkommando des Heeres, ehe er als Oberstleutnant im Generalstab wieder an die Ostfront zurückkehrte.

Nach dem Kriege und nach kurzer britischer Gefangenschaft sah man den vierunddreißigjährigen Oberstleutnant a. D. als Buchhändler-Lehrling. Mit "sehr gut" bestand er die Prüfung – und sofort wußte er seine frühesten Kenntnisse und seine beständige Liebhaberei zu nutzen: Er gliederte der Buchhandlung, in der er in Hannover beschäftigt war, eine Musikalienabteilung an und hatte Erfolg damit.