Von Robert Lucas

Mein Stuhlnachbar ist aufgestanden und sagt: „Mein Name ist Fred. Ich bin ein Gewohnheitsspieler.“

Er hat, um Oscar Wildes boshafte Bemerkung zu zitieren, „eines jener charakteristisch britischen Gesichter, an die man sich, wenn man sie einmal gesehen hat, nie wieder erinnert“. Der Mann könnte Versicherungsagent sein, überlege ich, irgendein Einkäufer, Mitarbeiter im Außendienst einer Staubsaugerfirma oder dergleichen. Der Kontrast zwischen seinem harmlosen Aussehen und dem Inhalt seiner Erzählung wirkt niederschmetternd.

„Ich war 21 Jahre alt, als ich zu spielen begann“, berichtete er mit verhaltener Stimme, manchmal noch nach dem mot juste suchend. „Zwei Jahre später war es mir bereits gelungen, meine Familie total zugrunde zu richten. Ich hatte in der Firma, in der ich gearbeitet habe, fast tausend Pfund unterschlagen und außerdem Schulden gemacht Um mich vor dem Gefängnis zu bewahren, mußte mein Vater das kleine Haus verkaufen, in dem wir wohnten, die Möbel, seinen Wagen und sogar einen Teil der Kleider. Man sollte glauben, der Schock hätte mich geheilt Nicht im mindesten: das war erst der Beginn meiner Karriere als Spieler. Achtzehn Jahre lang habe ich weiter gespielt, gelogen, gestohlen, Geld unterschlagen. Zehn Monate habe ich im Gefängnis gesessen. Mein Vater begann zu trinken – meinetwegen.“

Er fuhr im gleichen Tonfall fort: „Meine Mutter habe ich frühzeitig ins Grab gebracht. Wie oft habe ich mich gefragt: ‚Hast du nicht genug Unheil angerichtet? Was bleibt dir noch übrig, als Selbstmord zu begehen?‘ Aber ich fand nie den Mut dazu. Ich sagte mir: ‚Das nächste Mal wird dir der große Wurf gelingen! Ein einziger großer Gewinn, damit ich meine Schulden bezahlen kann – dann höre ich auf! Das nächste Mal! Es gab hunderte ‚nächste Male‘! Ich spielte und wettete weiter, wie von Dämonen gehetzt: Pferderennen, Windhundrennen, Karten, Roulette – alles!“

Die anderen hören in düsterem Schweigen zu. Siebzehn Männer, der jüngste vielleicht 28 Jahre alt, der älteste um die Sechzig. Sie sitzen, von Wolken Zigarettenrauch eingehüllt, eng nebeneinander – so eng, daß ihre Schultern und Schenkel einander berühren – auf einfachen grauen Drillichstühlen mit abgewetzten Metallrahmen. Vier Stuhlreihen, ein schäbiger Tisch, hinter dem der Vorsitzende sitzt, ein Kleiderständer mit regennassen Mänteln, eine verschlossene Tür.

„Heute sind es sechs Wochen“, fährt Fred fort, „seit ich zum erstenmal durch diese Tür gegangen bin. Nach meinem zweiten Besuch hörte ich zu spielen auf. Fünf Wochen habe ich die Verpflichtung meiner Mitgliedschaft erfüllt: Ich habe kein Wettbüro betreten, keine Spielkarte berührt. Ich habe begonnen, meine Schulden in wöchentlichen Raten abzusparen, und ich weiß, daß ich noch lange nicht außer Gefahr bin.“