Von Michael Jungblut

Kein zweiter deutscher Politiker hat ein so feines Gespür dafür, an welchen politischen Bäumen man rütteln muß, um reife Früchte aufzusammeln, wie Franz-Josef Strauß. Zwar leugnet er beharrlich, daß er wieder nach einem Ministersessel schielt, aber immer wieder versteht er es, sich irgendwelchen Gruppen als berufener Vertreter ihrer Interessen in der Regierung zu präsentieren.

Erst waren es die Bauern, die plötzlich entdeckten, daß der robuste CSU-Vorsitzende der geeignete Vorposten der grünen Front im Kabinett sein könnte. Dann zeigte Strauß bei Gesprächen mit Vertretern des Kohlenbergbaus so viel Verständnis für deren Sorgen, daß sie ihn schon als Energieminister amtieren sahen. Ein Brief schließlich, in dem er kürzlich dem Bundeskanzler seine Besorgnis über den wachsenden Einfluß der Amerikaner auf die deutsche Wirtschaft darlegte, ließ viele verschreckte Unternehmer in ihm den ersehnten Retter vor der Übermacht des Auslandskapitals erblicken.

Strauß malte mit dickem Pinsel schwarz in schwarz. Nach seiner Ansicht bemühen sich die Amerikaner, ganze Zweige der deutschen Wirtschaft systematisch unter ihre Kontrolle zu bringen. Ziel der beiden Automobilgiganten der USA, Ford und General Motors, sei es beispielsweise, 85 Prozent des europäischen Automobilmarktes zu erobern. Sie kauften alles auf, was sich ihnen biete. Weder BMW noch NSU seien vor ihrem Zugriff sicher; und selbst Aktien des Volkswagenwerkes versuchten sie, an sich zu bringen. Nach Meinung von Strauß deutet vieles darauf hin, daß die amerikanische Wirtschaft drauf und dran sei, die Konkurrenzschlacht in Europa zu gewinnen.

Die Kassandrarufe von Strauß bewogen die Bundesregierung, in ihrem offiziellen Bulletin wieder einmal eine Lanze für die Marktwirtschaft und die Freiheit des Kapitalverkehrs zu brechen. Aber ihre Beschwichtigungsversuche bleiben so unbefriedigend wie die Alarmrufe von Strauß. Wo dieser düstere Bilder zeichnet, wird im Bulletin mit Rosa retuschiert.

Was nützt der Hinweis darauf, daß im vergangenen Jahr das aus dem Ausland zugeflossene Kapital nur einen Anteil von 6,8 Prozent an den gesamten Investitionen in der Bundesrepublik hatte und daß der Anteil der Amerikaner gar nur 2,8 Prozent beträgt? Entscheidend ist, daß sich die ausländischen Investitionen auf wenige, aber volkswirtschaftlich und politisch wichtige Industriezweige konzentrieren. Die ausländischen Vermögensanlagen in der Bundesrepublik haben inzwischen 60 Milliarden Mark erreicht. Besonders die Amerikaner wenden sich mit ihrem Kapital zielbewußt den Industrien der Zukunft zu, nämlich Fahrzeugbau, Elektrotechnik, Mineralöl und Chemie. Auf dem Mineralölsektor befinden sich beispielsweise nicht einmal mehr 10 Prozent des Kapitals in deutschem Besitz.

Natürlich ist auch der Bundesregierung nicht verborgen geblieben, daß in dieser Ballung des ausländischen Kapitaleinflusses die eigentliche Problematik liegt. Aber bis heute ist die Regierung sich noch nicht sicher, welche Haltung sie hierzu nun eigentlich einnehmen soll. Daher müssen allgemeine Bekenntnisse zu Wettbewerb und Marktwirtschaft wieder einmal als Ersatz für ein klares Konzept dienen.