Wenn die Polizei ausstellt und sich vorstellt In Hannover notiert

Von Manfred Sack

Zum erstenmal habe ich "Haut einer Wasserleiche" gesehen und die Bombe des Attentäters Erich von Hâlacz: eine Wurst, Jagdwurst offenbar, darin etwas Sprengstoff. Ich sah ein Böttcherbeil, durch das im Jahre 1860 drei Menschen ihre Köpfe verloren, auch ein Kleid von Balmain, das ein geschickter Spion einschließlich Steppnähten und Abnähern tadellos kopiert hatte, und ein italienisches Gewehr jenes Typs, dem der Mörder Präsident Kennedys den Vorzug gegeben hatte.

Ich sah phantastische Tätowierungen mit dem Vermerk: "In der Schmerzunempfindlichkeit des Tätowierten sah die frühe Kriminologie ein Persönlichkeitsmerkmal des typischen Verbrechers"; und ich nahm Notiz von einem nach der Wirklichkeit gestalteten Aufenthaltsraum von Kindern bei der weiblichen Kriminalpolizei. Ich erfuhr, was es mit den Toten des Jahres 1965 in der Bundesrepublik auf sich hatte: 629 341 natürliche Todesfälle, 34 955 Unfalltote, 758 Morde, was nicht weniger und nicht mehr bedeutet, als daß fast jeden Tag zwei Menschen zu Mördern werden. Zwei Mitmenschen. Und ich sah auch einen "rassigen" Alfa Romeo 2600 Sprint, in dessen Echt-Leder-Polstern es römischen Polizisten möglich ist, mit 196 "Sachen" auf Ordnung zu achten.

Ein merkwürdiges Realien-Museum ist diese "Internationale Polizeiausstellung" in Hannover, seit 1926 erst die dritte große Schau dieser Art in Deutschland. Man kann in Gelächter ausbrechen, und man kann sich fürchten. Man kann sich wundern – zum Beispiel darüber, daß man ausgerechnet hier gefragt wird: "Haben Sie eigentlich schon den Großen Brockhaus?" – und man kann bewundern – zum Beispiel die Hervorbringungen einiger ganz ausgezeichneter Fälscher. Empfindsame werden sich vor den gelungenen Farbphotos von Frauen, die Triebverbrechern zum Opfer gefallen und grausam zugerichtet waren, ekeln, "im Leben Erfahrene" wiederum werden mit Aufmerksamkeit notieren, daß die Spezialität einer Hamburger Prostituierten ein Spiegel am gelbseidenen Bett (so lang wie das Bett) ist, und wie es von hinten aussieht, wenn drei solcher Damen sitzend durchs Schaufenster Ausschau halten.

An Anschauungsmaterial fehlt es nirgendwo in diesen Messehallen, in denen bis zum 11. September noch die Frage beantwortet werden soll: Wer ist die Polizei? Was tut die Polizei? Je nachdem, wo man seinen Rundgang zufällig beginnt, erfährt man es auf andere und diese Art.

Ich geriet zuerst, vorbei an schmucken, aber offenbar schon gebrauchten Patrouillenbooten, zur Wasserschutzpolizei. Während mir die Tonbandstimme Regeln über das rechte Verhalten auf dem Wasser auf den Rundgang mitgab, traf ich in der Ecke auf einen Taucher, der damit beschäftigt war, auf dem Meeresgrund eine mächtige Bombe zu entschärfen. Der Taucher lachte. Ich war im Zweifel: Warum haben die Polizisten unter sicherlich vielen ernsten Konfektionspuppen gerade ihm den Vorzug gegeben? Ist es das Lachen nach der erfolgreichen Tat? Bedeutet das Lachen, daß der Polizeidienst im Taucheranzug eine fröhliche Beschäftigung sei?