Heinrich Schütz: „Doppelchörige Motetten“; Dresdner Kreuzchor, Leitung: Rudolf Mauersberger; Deutsche Grammophon Gesellschaft Archiv Produktion 198 369, 25,– DM

Als 1609 der Kasselaner Landgraf Moritz einem vierundzwanzigjährigen Jurastudenten der Universität Marburg namens Heinrich Schütz (oder in der damals üblichen Latinisierung Henricus Sagittarius), der in seiner Freizeit gelegentlich geistliche Chormusiken schrieb, ein Stipendium gewährte, damit dieser in Venedig bei dem damals berühmtesten europäischen Musiker Giovanni Gabrieli Kompositionsunterricht nehme, konnte er nicht ahnen, daß er damit den „pater nostrae musicae modernae“ (so in einem Nekrolog) protegierte. Zwei Jahre später schickte der Student Proben dessen, was er inzwischen zu schreiben gelernt hatte, nach Kassel: italienische Madrigale, avantgardistische Musik. Weitere acht Jahre später – Schütz war bereits Hofkapellmeister in Dresden – erschien eine Sammlung geistlicher Werke in modernster Kompositionstechnik: „Psalmen Davids, Sampt Etlichen Moteten und Concerten.“ Schütz übertrug in ihnen ein venezianisches, letztlich aus der Architektur des Marcus-Doms mit seinen verschiedenen Emporen abgeleitetes musikalisches Stilmittel in den reformierten deutschen Gottesdienst: Seine auf mehrere gegeneinander oder gleichzeitig singende Chöre verteilten akkordischen Psalmsätze waren für den Introitus des Hauptgottesdienstes und den Eingang der Vesper, gedacht. 1671, ein Jahr vor seinem Tode, griff Schütz die Technik der Mehrchörigkeit noch einmal auf in einem „Deutschen Magnificat“. Über die frech-forsche Attitüde klanglicher Revolution von 1619 war Schütz nun hinaus, all die Manierismen der Jugendwerke, die aus dem italienischen Madrigal abgeguckten kleinzelligen, den Text interpretierenden Figuren und Affektillustrationen sind eingetauscht gegen ein kontinuierliches Strömen, gegen eine sich dem liturgischen Gesetz fügende Distanz, Expressivität und harmonische Extravaganz sind neutralisiert. Der Dresdner Kreuzchor macht auf dieser Platte die Unterschiede zwischen früh und spät sehr gut deutlich, ohne daß dabei die letzten Ergebnisse musikwissenschaftlicher Forschung, etwa durch Parallelführung von Instrumenten oder durch zusätzliche Aufteilung in Gesamtchor und „Favoritchor“ (das heißt etwa: Chor aus vier Solisten), ausgewertet würden. Durch Vergrößerung des Abstandes zwischen den beiden Stereolautsprechern läßt sich die räumliche Wirkung dieser Mehrchörigkeit noch zusätzlich steigern. Heinz Josef Herbort