In den deutschen Börsensälen ist mehr Leben, als die Bewegungen der Aktien- und Rentenkurse gegenwärtig erkennen lassen. Die Stabilität der letzten Wochen hat vielfach zu der Ansicht geführt, daß das Schlimmste jetzt überstanden ist und der Tiefpunkt der Kurse nun hinter uns liegt. Natürlich erwartet niemand die Ablösung der Baisse durch eine stürmische Aufwärtsbewegung der Kurse. Für einen radikalen Umschwung fehlen nahezu sämtliche Voraussetzungen, insbesondere die Aussicht auf eine nennenswerte Zinssenkung. Davon aber kann vorerst noch keine Rede sein. Niemand weiß, wie sich der Rentenmarkt entwickeln würde, wenn der Emissionsstopp fällt. Einige öffentliche Stellen, aber auch große Unternehmen dürften einen hohen Preis (sprich Zins) dafür bezahlen, wenn sie ihre kurzfristigen Schulden langfristig konsolidieren könnten.

Die Erwartung langsam steigender Börsennotierungen ist im Augenblick sicherlich mehr spekulativ als sachlich begründet. Aber zu allen Zeiten hat man an der Börse versucht, die Zukunft vorwegzunehmen. Die Zukunft hieße in diesem Falle das Ende der Restriktionspolitik und steigende Unternehmergewinne durch, eine Verlangsamung des Kostenanstiegs. Doch viele Leute, die heute Aktien erwerben, denken nicht einmal so weit. Sie gehen davon aus, daß der September mit seinem großen Steuertermin noch einmal eine harte Liquiditätsanspannung bringen und daß auch die Siemens-Kapitalerhöhung eine gewisse Belastung darstellen wird, daß aber danach eine gewisse Entspannung des Geldmarktes erwartet werden darf.

Damit würde der Zwang, Wertpapiere aus Liquiditätsgründen zu verkaufen (schon heute spielt er keine ins Gewicht fallende Rolle mehr), weitgehend beseitigt sein. Banken, Sparkassen und Versicherungen hätten dann die Möglichkeit, so wird spekuliert, die Kurse bis zum Jahresende etwas anzuheben, um den Abschreibungsbedarf auf ihre Effektenbestände zu verringern. Allerdings ist bei den Sparkassen und Versicherungen das Interesse an einer solchen Aktion geteilt, weil sie schon in der Bilanz per 31. Dezember 1965 einen großen Teil ihrer festverzinslichen Papiere zu „Anlagevermögen“ gemacht haben, um auf diese Weise von dem Abschreibungszwang herunterzukommen. Keine sehr feine, aber doch zulässige Methode, Bilanzen optisch glanzvoll zu erhalten.

Sicherlich wird die Börse zum Jahresultimo von dieser Seite her eine gewisse Belebung erfahren. Die Börsenspekulation hockt bereits in den Startlöchern, um an den Versuchen, bestimmte Kurse heraufzusetzen, mitzuverdienen. Mit Argusaugen verfolgt man aus diesem Grund die Kursbewegung der GBAG-Aktie. Großaktionär der Gelsenkirchener Bergwerks-AG ist die Dresdner Bank, die seinerzeit den größten Teil ihrer Schachtelbeteiligung von dem Bremer Holzkaufmann Hermann Krages erwarb. Mit den Zukäufen, die sie über die Börse tätigte, schätzt man den Einstandskurs ihres Paketes auf 140 bis 150 Prozent. Wird die Dresdner Bank zur Minderung ihres Abschreibungsbedarfs auf Effekten versuchen, die GBAG-Aktie in den nächsten Monaten nach oben zu ziehen? Zur Zeit liegt dieses Papier in der Nähe seines Tiefstandes. Genauso wie andere Ölunternehmen leidet die Gesellschaft unter den „schlechten“ Heizölpreisen, aber auch – so wird gesagt – indirekt unter den neuen Preissenkungen für Benzin. Eine Aufwärtsbewegung der GBAG-Aktie würde der wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft sicherlich nicht Rechnung tragen.

Neben der „Jahresschlußphantasie“ gibt es noch die Abfindungsspekulation. Wirksam ist sie zur Zeit bei Ilseder Hütte, Phrix und NSU. Im Falle der Ilseder Hütte werden verschiedene Stahlkonzerne „verdächtigt“, das Unternehmen schlucken und die Ilseder-Hütte-Aktionäre abfinden zu wollen. Inwieweit hier Wunschdenken eine Rolle spielt, ist schwer zu sagen. Auf alle Fälle dürfte die Verbindung der schwer um ihre Rentabilität ringenden Peiner Gesellschaft mit einem starken Konzern wesentliche betriebswirtschaftliche Vorteile bringen.

Bei den Phrix-Werken, wo seit Jahren gewisse Kursbewegungen auf einen Interessenten hindeuten, der Einfluß auf den deutschen Kunstfaserkonzern erlangen möchte, wird als Aufkäufer eine amerikanische Gruppe genannt. Die deutsche Großchemie, die teilweise zu den Lieferanten der Phrix-Werke gehört, hat Aufkaufabsichten dementiert. Mit Kursen von 220 Prozent ist die Phrix-Aktie vermutlich nicht überbewertet, was, dem spekulativen Teil der Bankenkundschaft erlaubt, hier mitzukaufen; denn „notfalls“ kann dieses Papier noch als gute Anlage angesehen werden.

Zeitweise recht hektische Kursbewegungen der NSU-Aktie führen immer wieder zu der Vermutung, daß diese Automobilhersteller ohne sichtbaren Großaktionär dabei sind, ihre Unabhängigkeit zu verlieren. Aber an wen? Von den deutschen Automobilunternehmen kämen von ihrer finanziellen Potenz her nur Daimler oder das Volkswagenwerk in Frage. Doch die Vorstände beider Gesellschaften haben schon abgewinkt. Steht hinter den Aufkäufen (wenn es überhaupt welche gibt) etwa Citroën? Dieser französische Konzern hat bereits enge Verbindungen zu NSU, und es läge wohl nahe, sie auch finanziell zu festigen. K. W.