Das American Institute of Physics, Herausgeber höchst wichtiger physikalischer Fachzeitschriften und Dachorganisation erlauchter wissenschaftlicher Gesellschaften, hatte im Frühsommer dieses Jahres eine Anzahl Wissenschaftsjournalisten kurzfristig zu einer Pressekonferenz nach New York eingeladen. Die Eile, mit der das Institut die Öffentlichkeit zu informieren wünschte, war ungewöhnlich und ließ daher auf eine sensationelle wissenschaftliche Enthüllung schließen. Dieser Eindruck wurde noch durch den Text der Einladung verstärkt, in dem von einem Versuchsergebnis die Rede war, das ein „Meilenstein der Wissenschaft“ sei, weil es „einem bislang für allgemeingültig gehaltenen Gesetz der Theoretischen Physik widerspreche“.

Was die Wissenschaftsjournalisten während dieser Konferenz erfuhren, war in der Tat sensationell. Professor Paolo Franzini hatte mit seiner Arbeitsgruppe am größten Protonenbeschleuniger der Welt in Brookhaven (New York) den Zerfall eines kurzlebigen Elementarteilchens (des Eta-Mesons) in andere Elementarteilchen (Pionen) beobachtet, und ein von Frau Professor Juliet Franzini geleitetes Physikerteam hatte die Beobachtungsergebnisse – 1 441 Blasenkammerphotos – ausgewertet. Das Resultat dieser mühevollen Forschungsarbeit war überraschend. Aus ihm nämlich ging hervor, daß sich Elementarteilchen und die ihnen entsprechenden Antiteilchen nicht, wie man bisher geglaubt hatte, stets symmetrisch zueinander verhalten.

Über die Bedeutung dieses Ergebnisses hatten wir (ZEIT Nr. 27, vom 1. Juli 1966) ausführlich berichtet, und nicht anders als mit großer Ausführlichkeit läßt sich verständlich machen, warum die Symmetrie, um die es hier ging (die sogenannte „Invarianz der Ladungskonjugation“), eine der tragenden Säulen der modernen Theoretischen Physik ist. Der Einsturz dieser Säule mußte große Erregung unter den Fachleuten hervorrufen. Die Situation, in die sich die Physiker durch diese Entdeckung versetzt sahen, würde etwa derjenigen entsprechen, in der sich die Chemiker befänden, wenn plötzlich jemand herausfände, daß das Periodische System der Elemente nicht mehr stimmt.

Jetzt freilich erfuhren wir, daß all die Aufregung umsonst war: die Säule der Theoretischen Physik steht noch ungebrochen. Anfang dieser Woche nämlich referierten Forscher des Europäischen Kernforschungszentrums CERN in Genf bei einem Kongreß der Hochenergiephysiker – nur für geladene Gäste – in Berkeley (Kalifornien) über das Resultat, das sie bei einer Wiederholung des Franzini-Experiments, freilich mit einem wesentlich höheren Genauigkeitsgrad, erzielt hatten: Elementarteilchen und Antiteilchen verhielten sich der Theorie entsprechend symmetrisch zueinander. Offenbar war dem Physikerehepaar Franzini ein Fehler unterlaufen.

Wie konnte es geschehen, daß namhafte Naturwissenschaftler wie Paolo und Juliet Franzini ein Experimentalergebnis veröffentlichten, das der Nachprüfung nicht standhielt, also aller Wahrscheinlichkeit nach falsch war?

Die Ursache dafür liegt vermutlich in der besonders unter Hochenergie-Physikern herrschenden Wettkampfpsychose. Man weiß in Brookhaven, daß die Kollegen in Hamburg am gleichen Forschungsprojekt arbeiten, oder in Dubna, daß man dem gleichen Phänomen auf der Spur ist wie in Cambridge. Darum ist jede Arbeitsgruppe bestrebt, die erzielten Ergebnisse so schnell wie möglich zu publizieren, um dem Konkurrenten zuvor zu kommen. Es hat sich längst eingebürgert, diese Publikationen nicht, wie es wissenschaftlicher Brauch ist, erstmalig in einem Fachjournal erscheinen zu lassen, sondern notdürftig im Eigenverlag zu produzieren. „Preprints“ heißen diese mit dem Kopierapparat des Instituts vervielfältigten Abhandlungen, die eilig, oft noch im letzten Augenblick mit handschriftlichen Korrekturen versehen, per Luftpost an die konkurrierenden Institute verschickt werden.

„Wir unterscheiden uns kaum mehr von den Zeitungsreportern, die, von der Angst gepeinigt, es könnte ihnen jemand die Story wegschnappen, ihre Neuigkeiten unverzüglich an den Mann bringen möchten“, schrieb kürzlich ein Physiker in der Zeitschrift „Physics Today“. Er hätte hinzufügen sollen: Ebenso, wie der Übereifer eines Reporters gelegentlich Zeitungsenten entstehen läßt, wird unter dem Einfluß der Prioritätspsychose auch in den Forschungsstätten manchmal eine wissenschaftliche Ente geboren.