C. D. Paris, im September

Skandale gehören zu den normalen Betriebsunfällen jeder Demokratie – dann und wann jedenfalls. Doch die Ben-Barka-Affäre hat solche Dimensionen, daß Frankreich nicht gleichgültig über sie hinweggehen kann. Seit der Voruntersuchung haben sich die Franzosen mit dem Gedanken getröstet, daß der Urheber des Verbrechens eine Schlüsselfigur der marokkanischen Regierung ist. Der Ben-Barka-Prozeß, der am Montag begonnen hat und mindestens vier Wochen dauern wird, soll erweisen, ob solcher Trost berechtigt ist.

Der 46jährige Mehdi Ben-Barka war ein Gründer der oppositionellen Linkspartei Union Nationale des Forces Populaires. Früher einmal saß er der beratenden Versammlung Marokkos vor. Damals schon exponierte er sich so, daß ihm ein Attentäter nach dem Leben trachtete; 1963 wurde er dann wegen seiner Kritik an König Hassans Haltung im algerisch-marokkanischen Grenzkonflikt zum Tode verurteilt.

Ben-Barka floh ins Ausland und hielt dort engen Kontakt mit Nasser und Ben-Bella. Als aber Hassan begann, eine Öffnung nach links einzuleiten und politische Gefangene amnestierte, ließ er Ben-Barka für den Fall seiner Rückkehr Leben und Freiheit zusichern. Bei diesem Stande der Dinge, so heißt es, sei der Innenminister General Mohammed Oufkir in Aktion getreten – ein Mann der Rechten, dem diese Wendung der Dinge nicht behagte.

Außer Zweifel steht, daß ein Anschlag gegen Ben-Barka in Paris ausgeheckt und ins Werk gesetzt worden ist. Freilich war der Plan so dreist, die erforderlichen Vorbereitungen für die Unternehmung so umfangreich, die Anwesenheit Oufkirs in Paris so auffällig, daß sich die Vermutung geradezu aufdrängt, er habe das Komplott bloß mit stillschweigender, wenn nicht gar offener Billigung französischer Stellen ausführen können. In der Tat waren mehrere Pariser Unterweltfiguren ebenso in die Affäre verwickelt wie eine Reihe von „barbouzes“ der Geheimpolizei.

Die Voruntersuchung ergab, daß Ben-Barka am 29. Oktober morgens, aus Genf kommend, in Paris landete. Zum Mittagessen war er seit langem mit dem Filmregisseur Georges Franju, dem Journalisten Philippe Bernier und dem Ex-Zuchthäusler und Literaten Georges Figon im Restaurant Lipp am Boulevard St. Germain verabredet. Als er sich dem Restaurant näherte, trennten ihn zwei Polizisten von seinem jungen marokkanischen Begleiter und überredeten ihn, sich in einen parkenden Wagen zu setzen. In diesem Auto wartete Antoine Lopez, ein Beamter der Air France, gleichzeitig aber Verbindungsmann der „barbouzes“. Lopez, der früher für die Fluggesellschaft in Marokko gearbeitet hatte, war von dem älteren Polizeibeamten mit einem Bärtchen und der unvermeidlichen schwarzen Brille verkleidet worden. Beifahrer war ein früherer Gangster, Jule le Ny.

Ben-Barka wurde kurz erklärt, ein hoher Beamter wünsche ihn zu sehen. Deshalb machte er keine Schwierigkeiten. Der Wagen hielt in einem Dorf außerhalb von Paris. Dort wurden Ben-Barka und seine Begleiter von Georges Boucheseiche begrüßt, der früher mit dem Gangster Pierrot le fou zusammengearbeitet hatte. Er redete Ben-Barka gut zu, sagte aber nicht, mit wem er nun eigentlich zusammentreffen sollte.