Th. v. U., Konnersreuth

In Konnersreuth, einer kleinen bayerischen Gemeinde, nahe der tschechischen Grenze, lebte bis vor vier Jahren Therese Neumann, auch „Therese von Konnersreuth“ genannt. Jeden Freitag erlebte sie die Passion Christi, und 34 Jahre lang nahm sie – das bezeugt Ortspfarrer Schuhmann – keine feste Nahrung zu sich. Der frommen Frau werden Gebetserhörungen und Wunderheilungen zugeschrieben. Ein paarmal soll sie frei in der Luft geschwebt haben. Ihr Grab auf dem Dorffriedhof ist dicht bedeckt mit Votivtäfelchen, auf denen wundersam Erhörte für übernatürliche Heilung danken.

An der Pforte des Anbetungsklosters in Konnersreuth, das auf Anregung der Therese Neumann erbaut wurde, liegen Formulare aus, die die Pilger unterschreiben, wenn sie das Grab der Stigmatisierten besucht haben. Es sind vorgedruckte Anträge an den Bischof von Regensburg, „zur Überprüfung des Lebens der Therese Neumann, den kirchlichen Informationsprozeß zu eröffnen“. Das heißt: der Bischof soll die erforderlichen kirchenbehördlichen Schritte einleiten, damit das „Reserl“, wie sie in ihrer Heimat genannt wurde, seliggesprochen werden kann. Denn der Weg zur offiziellen Seligkeit ist kompliziert. Alle sachdienlichen Hinweise gehen an den Pfarrer von Konnersreuth. Von dort gelangen sie an das Anbetungskloster, und das leitet sie weiter auf den zuständigen Schreibtisch im Bischöflichen Ordinariat zu Regensburg.

Gewichtige Persönlichkeiten haben sich für die Seligsprechung eingesetzt, allen voran der Verfasser und Verleger eines Buches über Therese Neumann, Johannes Steiner aus München. Auch hohe Kirchenmänner, wie der Münchener Weihbischof Neuhäusler und der deutsche Kurienkardinal Bea, gaben ihre Zustimmung. Doch während sich bei der Stadtsparkasse in Waldsassen auf dem Sonderkonto „Seligsprechung“ eine ansehnliche Summe zur Deckung der Prozeßkosten ansammelt, wächst zugleich der Eindruck, daß auch eine Konnersreuther Prophetin im eigenen Lande nichts gilt.

Der Regensburger Bischof Professor Gräber, ein bedeutender Mariologe, mag sich für die Seligsprechungspläne nicht so recht erwärmen. Jedenfalls löste die Indiskretion eines Klerikers aus der Umgebung Grabers Entrüstung unter den Anhängern der Therese Neumann aus. Da hatte es geheißen: „Der Bischof läßt sich von der Welle der Petitionen nicht beeindrucken und denkt gar nicht an die Einleitung eines Informativprozesses. Mit einer Seligsprechung ist schon deshalb in den nächsten Jahrhunderten nicht zu rechnen, weil die Kirche nach dem Konzil viel zuviel Arbeit hat, ihre Reformbeschlüsse auszuführen. Für das Reserl bleibt da wenig Zeit übrig.“

Indessen vermuten die Konnersreuther den wahren Grund für die bischöfliche Zurückhaltung weniger im Konzil als in einer alten Fehde, die bis in das Jahr 1937 zurückreicht. Damals hatte sich der Vater der Therese Neumann in einem Brief an den Bischof, einen Vorgänger Grabers, bitter beschwert, seine Tochter habe sich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen müssen, die der Bischof angeordnet habe. Er, der Vater, habe davon vorher nichts gewußt; außerdem habe der Arzt das Mädchen auf einen Zustand hin beguckt, nach dem man bei einer frommen Jungfrau nicht einmal frage. Schlimmster Vorwurf: der untersuchende Arzt war Protestant.

Ortspfarrer Schuhmann, seit 23 Jahren Geistlicher in Konnersreuth, sieht andere Hinderungsgründe. Zwar sei die Therese eine „von Gott außergewöhnlich begnadete Person“ gewesen, aber um sie seligsprechen zu lassen, bedürfe es handfester Beweise über Wunderheilungen: „Ich habe den holländischen Pater, der das behauptet, immer wieder aufgefordert, den ärztlichen Krankheitsbefund der Frau beizubringen“, bedauert der Pfarrer. „Aber er ist meinen Bitten bisher nicht nachgekommen. Und ärztliche Atteste sind nun einmal die Voraussetzung.“