Lissabon, im September

Dem Urlauber, der von Nordspanien über die portugiesische Grenze nach Süden fährt, leuchten schon von weitem vertraute Schilder und Namen entgegen: Klöckner-Humboldt-Deutz, Farbwerke Hoechst, Grundig, Seidensticker, MAN. Und es sind keineswegs nur Reklameschriften, die ihn an seine Heimat erinnern, Schon in Braga, einige Kilometer hinter der Grenze, stößt er an der Hauptstraße nach Porto, der zweitgrößten Stadt Portugals, auf einen modernen langgestreckten Industriebau, dessen Stirnseite das grüne Kleeblatt und der Grundig-Namenszug schmücken. Nur wenig weiter bietet Klöckner-Humboldt-Deutz die Reparatur von Dieselmotoren an. Daneben finden sich international bekannte Firmenzeichen wie ICI, Monsanto oder Michelin.

Hier zeigen sich die ersten Auswirkungen der Liberalisierung eines Landes, das den Anschluß an Europa sucht und aus der Abgeschiedenheit der letzten hundert Jahre ausbrechen will. Allein im Jahre 1965 wurden in Portugal 122 Unternehmen gegründet, die entweder voll in ausländischem Besitz sind oder an denen sich ausländisches Kapital in maßgeblichem Umfang beteiligt hat. In etwa einem Viertel dieser Betriebe arbeitet englisches Kapital, während sich deutsche Unternehmer an 23 Unternehmen beteiligten. Relativ schwach ist das amerikanische Engagement; nur neun Werke arbeiten mit US-Kapital. Weitere 96 Unternehmen mit ausländischer Beteiligung erhöhten im gleichen Jahr ihr Kapital, wobei wiederum die englischen Firmen vor den deutschen an der Spitze standen.

Der Weg aus der Abgeschlossenheit begann für Portugal vor drei Jahren, als zum ersten Male ausländische Beteiligungen an portugiesischen Unternehmen zugelassen wurden. Allerdings mußte der inländische Anteil immer 51 Prozent betragen. Im April des vergangenen Jahres wurden die Liberalisierungsbestimmungen weiter gelockert. Die notwendigen Genehmigungen für Firmengründungen durch Ausländer werden jetzt fast automatisch erteilt, es sei denn, es handelt sich um Grundstoff – oder bestimmte nationale Industrien, wie etwa die Mineralölindustrie, bei denen der Staat auf eine portugiesische Mehrheit Wert legt.

Ausländisches Kapital wird mit einer ganzen Reihe von Vergünstigungen ins Land gelockt. So verfügt Portugal über erhebliche Arbeitskraftreserven. Außer einer gewissen Arbeitslosigkeit bilden die Landarbeiter ein beachtliches Reservoir. Daher sollen neue Werke in Portugal nach Möglichkeit auch in mindestens 50 Kilometer Entfernung von den großen Städten errichtet werden.

Noch 1965 war rund die Hälfte aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt, die jedoch nur etwa ein Fünftel des Bruttosozialprodukts erbrachten. Dementsprechend sind in Portugal die Arbeitskräfte – gemessen an dem Niveau der westeuropäischen Industrieländer – mehr als billig. Grundig zum Beispiel, der in Braga in der ersten Ausbaustufe bei der Fertigung von Transistor-Rundfunkgeräten rund 300 vorwiegend weibliche Arbeitskräfte beschäftigt – nach der Aufnahme der Fernseh- und Tonbandgeräte-Produktion sollen es 1000 sein –, zahlt einen Tageslohn von etwa 3, 50 Mark. Dabei ist der Index der industriellen Löhne in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Gegenüber 1958 = 100 betrug er im vergangenen Jahr bereits 177. Die Landarbeiterlöhne stiegen in der gleichen Zeit nur auf 153,4, so daß der vom Staat erwünschte Zug von der wenig produktiven Landwirtschaft in die produktivere Industrie, die heute rund 43 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet, unterstützt wird.

Die industrielle Entwicklung des Landes, die in den vergangenen 30 Jahren nur sehr langsam vorankam, zeigt in den letzten vier Jahren alle Anzeichen einer schnellen und stark differenzierten Expansion. Während 1965 der Bergbau einen Produktionsrückgang von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr aufwies, stagnierte wegen einer Dürre die Landwirtschaft, in der zwar immer noch knapp die Hälfte aller Beschäftigten tätig sind, die aber nur noch 20,1 Prozent des Sozialproduktes erbrachte. Die Regenarmut des vergangenen Jahres hat auch die Energieerzeugung um 10,6 Prozent zurückgehen lassen.