Von Ben Witter

Hamburg

Vor der Tür stand eine Zeitlang ein weiblicher Portier, der wie ein Mann aussah; jetzt steht dort ein männlicher Portier, der aber nicht wie ein Portier aussieht. Über der Tür ist ein verrußtes Loch; der Ventilator dahinter muß von sieben Uhr abends bis zur Polizeistunde fast ununterbrochen laufen. Wenn er plötzlich abgeschaltet wird, ist es, als ob jemand lauscht, und alle sprechen leiser.

Hinter dem Kopfende der Bar ist eine Holzschranke. Da geht es in den Keller; zwischen der Schranke und der Bar steht meistens die Kellnerin. Sie trägt enganliegende Herrenhosen, Größe 40 und bedient entweder mit Schlips und Kragen oder im Sporthemd. Ihr Stil- und Formgefühl wurde auf der Kunsthochschule verfeinert. Doch sie zeichnet und malt schon lange nicht mehr. Statt dessen sammelt sie Lebensläufe und möchte manchmal keine Frau mehr sein. Trotzdem suchen viele Halt bei ihr, weil sie eine feste Hand hat und ihre Erfahrungen nur im Flüsterton weitergibt.

Neben ihr steht die Garderobenfrau. Sie trinkt den ganzen Abend Bier und lächelt. Viele Damen spendieren ihr ein Bier, damit sie weiterlächelt. Wenn sie noch kürzere Haare hätte, würden manche Uwe oder Klaus zu ihr sagen. Sie ist hellblond und hat dazu die passenden Augen und die passende Stimme.

Die Chefin der "Ika-Stuben" sagt am liebsten: "Wir sind alle eine große Familie." Sie bekommt dafür fast jedesmal einen Kuß und hält stets ihre linke Wange hin. Nach guten Ratschlägen braucht sie nie lange zu suchen, es sind immer dieselben. Seit sechzehn Jahren erteilt sie gute Ratschläge, seit sechzehn Jahren ist der Umsatz von Jahr zu Jahr gestiegen, seit sechzehn Jahren trägt sie strenge Herrenkostüme und denkt nur ans Geschäft. Viele Mädchen konnte sie in den sechzehn Jahren vor dem Selbstmord bewahren. Ein Mädchen, das einen großen Lieferwagen fährt und bald einen Lastwagen bekommt, hat einen Sohn. Er sollte "Papa" zu ihr sagen, aber die Chefin gewöhnte es ihr langsam ab und erzählte von ihren Kindern, denen sie Mutter und Vater zugleich sein mußte. Auch den männlichen Stammgästen gibt sie immer einen guten Rat.

Der eine Mann ist zwei Meter zehn groß und sitzt in der Nähe der Tür. Er wartet seit drei Jahren darauf, hier eine Frau zu treffen, die wegen ihrer Größe keinen Mann findet und es deswegen, bei Frauen versucht. Mit einer Frau, die etwa zwanzig Zentimeter kleiner war, hat er ein paarmal gesprochen. Aber die mag nur Mädchen, die einen Kopf kleiner sind als sie und oben füllig.