Von Marianne Kesting

Die Romanfiguren der Marguerite Duras haben viel mit den Menschen in Maeterlincks Dramen gemeinsam. In einer Art Trancezustand bewegen sie sich durch eine Welt, die nicht für sie gemacht scheint, die sie in klagloser Teilnahmslosigkeit hinnehmen. Wie von fremden Fäden bewegt, gehorchen sie, willenlose Marionetten, einem seltsamen Mechanismus; sie vollführen somnambule Zwangshandlungen, die sich in der von Marguerite Duras entworfenen Alltagswelt fremd ausnehmen. Was sie zum Handeln treibt, bleibt rätselhaft. Sie sprechen zwar, aber nur gleichgültige alltägliche Worte, die sich der stimmungsgeladenen Monotonie der Erzählweise einfügen. Die Romanfabeln der Duras sind, anders als die märchenhaften der Dramen Maeterlincks, meist recht handfest. Aber ihre Akteure bewegen sich nur schemenhaft durch das Geschehen, so, als ginge es sie im Grunde nichts an. Sie stehen ihren eigenen Regungen und Handlungen fremd gegenüber und scheinen nicht zu wissen, was sie tun und warum sie es tun. In dem jüngsten übersetzten Roman –

Marguerite Duras: „Die Verzückung der Lol V. Stein“ (Originaltitel: „Le ravissement de Lol V. Stein“), aus dem Französischen von Katharina Zimmer; Bibliothek Suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 159 S., 6,80 DM

ist das somnambule Verhalten der Hauptfigur zwar obenhin erklärt: Als neunzehnjähriges Mädchen wird sie von ihrem Verlobten plötzlich verlassen. Lol V. Stein verfällt jahrelang in völlige Teilnahmslosigkeit, die sie auch nicht verläßt, als sie, ganz unmotiviert, einem jungen Mann auf der Straße folgt, der sie dann schließlich heiratet. Sie hat Kinder, führt ein bürgerliches Haus. Eines Tages beobachtet sie, einer ebenso unmotivierten Regung folgend, die Liebesaffäre einer ehemaligen Schulfreundin, verbringt mit deren Liebhaber eine Liebesnacht, die sie apathisch über sich ergehen läßt.

Das alles könnte die Story eines normalen Unterhaltungsromans abgeben. Und man wäre leicht verführt, die Duras einfach in ein bestimmtes Genre guter Unterhaltungsliteratur einzuordnen, wenn nicht eben diese seltsame Fremdheit ihre Geschichte durchzöge, die ein banales Geschehen zu einem verrätselten macht.

Zwar bieten sich mancherlei Deutungen des Verhaltens der Lol V. Stein an. Vielleicht ist sie, durch das frühe schmerzhafte Erlebnis, in ihren Lebensregungen abgestorben. Wenn sie schließlich heiratet, scheint sie dem Wunsch nach einem bürgerlichen Dasein zu folgen. Wenn sie sich dem Liebhaber ihrer Schulfreundin hingibt, könnte man denken, sie gäbe einem Trieb nach. Aber der Verlauf der Handlung offenbart, daß alle diese Motivierungen nicht stimmen. Lol V. Stein bleibt ein Rätsel. Was sie fühlt und denkt, weiß niemand.

Das Verfahren erinnert in gewisser Weise an Proust, der in der latenten Verwechslung von „erzählendem“ und „erzähltem Ich“, das die gesamte „Recherche“ durchzieht, seine Figuren wie unter eine geheime Beobachtung stellt, die oft etwas Voyeurhaftes hat. Aber eben diese Beobachtung unterwirft das Geschehen einem „fremden Blick“. Bei der Duras allerdings fallen die Proustschen psychologischen Erklärungen weg. Um so merkwürdiger stellt sich das Geschehen dar. Ihre Gestalten gruppieren sich um einen „blinden Fleck“, das fehlende Motiv. Ein solch „blinder Fleck“ ist auch die Verzückung der Lol V. Stein, „le ravissement“, wie es im französischen Titel heißt. Hier handelt es sich nicht etwa um den somnambulen Zustand, in den sie verfällt. Ihre „Verzückung“ erlebte sie in einem Kornfeld hinter einem Stundenhotel am Waldrand, wo sie dem Liebesleben der Bekannten zusieht. Und nicht ihre erste, ihre zweite und dritte Liebesgeschichte scheint sie zu bewegen, sondern der Friede über dem mondbeschienenen Roggenfeld. Niemand weiß, was sie dorthin treibt. Ob es eine Flucht ist aus einer ihr entfremdeten Wirklichkeit, oder ob Lol V. Stein, wie manche Leute behaupten, wirklich wahnsinnig ist–oder ein Voyeur? Das alles bleibt offen, und der Liebhaber kann am Schluß der Erzählung nur registrieren: „Der Abend brach herein, als ich im Waldhotel eintraf. Lol war uns zuvorgekommen. Sie schlief in dem Roggenfeld, müde, müde von unserer Reise.“