Der Therapie-Kongreß beschäftigte sich mit der Epilepsie

Von Theo Löbsack

Erdbeben nannte der französische Dichter Gustave Flaubert die Symptome eines Leidens, an dem gleich ihm viele andere berühmte Persönlichkeiten gelitten haben: die Epilepsie.

Über seine eigenen Anfälle erzählte Flaubert: „Ich war immer bei Bewußtsein, wenn auch unfähig zu sprechen. Es war, als würde sich mein Geist zusammenkrümmen wie ein Stacheligel, der sich mit seinen eigenen Stacheln durchbohrt...“ Und in den Aufzeichnungen Maxime DuCamps, der Flauberts Biographie geschrieben hat, heißt es: „Plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, reckte Gustave seinen Kopf hoch und wurde leichenblaß. Er fühlte dann die Aura, diesen geheimnisvollen Hauch, der über seine Mienen huschte wie der Flug eines Geistes. Sein Gesicht bekam einen gequälten Ausdruck, und dann zuckten seine Schultern in einer Hilflosigkeit, die herzzerbrechend war. Nach einem Stöhnen, das mir noch heute in den Ohren klingt, kamen die Krämpfe. Sein ganzer Körper bebte. Schließlich sank er in einen tiefen Schlaf und war mehrere Tage völlig erschöpft.“

Die heilige Fallsucht, die Krankheit der „göttlich Besessenen“, deretwegen im alten Rom die Bürgerversammlungen aufgelöst werden mußten, wenn einer der Teilnehmer einen Anfall erlitt – sie war das Thema einer ganzen Gruppe von Referaten auf der 18. Deutschen Therapiewoche in Karlsruhe, die am vergangenen Samstag zu Ende gegangen ist. Das mag manchen erstaunen, denn für gewöhnlich hört man von Epileptikern in seiner Umgebung nicht gerade viel. Daß man den Anfallsleiden in Karlsruhe dennoch einen ganzen Tag widmete, hatte zwei Gründe. Einmal den, daß ein großer Teil des ärztlich-wissenschaftlichen Erfahrungsschatzes zur Behandlung dieser Krankheiten noch immer brach liegt, und zum anderen, daß es höchste Zeit wird, mit ungerechten Vorurteilen gegen den Epilepsie-Patienten aufzuräumen. Da heißt es, ein Epileptiker sei ein unheilbar kranker Mensch, ein „Verrückter“, den ein Einkleiden heimsuche, ein unberechenbarer Zeitgenosse, der seine Umgebung gefährde, der jeden Augenblick hinstürzen und um sich schlagen könne.

Tatsächlich gibt es Patienten, die im sogenannten großen Anfall (Grand mal) von heftigen Krämpfen geschüttelt zu Boden fallen. Diese Krankheitsform nimmt aber in der Statistik nur einen ganz geringen Prozentsatz ein. Das Gros der Epileptiker sind solche, die harmlose, zuweilen nur dem Facharzt erkennbare Erscheinungen haben. Das wichtigste aber: Unter den bekannten Formen der Epilepsie sind nur wenige erblich bedingt. Die meisten sind traumatischen Ursprungs, das heißt, es liegt ihnen ein Krankheitsgeschehen im Gehirn zugrunde, das seine Ursache in einer Verletzung hatte.

Zehn Millionen Fallsüchtige