Die Mächtekonstellation im Konflikt um Vietnam hat sich in den letzten Monaten in sensationeller Weise verändert: Bislang war es die Sowjetunion gewesen, die Nordvietnam an den Verhandlungstisch bringen wollte, während China das kleine Nachbarland anstachelte, den Krieg gegen Amerika fortzuführen. Jetzt ist es umgekehrt: China rät den Nordvietnamesen zwar nicht zum Frieden, jedoch zu einer defensiven Kriegführung, also zu einer De-Eskalation, während die Sowjetunion ihre Lieferungen an Flak- und Luftabwehrraketen, schweren Waffen, Lkws und Erdöl verstärkt und noch mehr Techniker und Militärexperten auf den Kriegsschauplatz entsendet.

Hinter der Fassade von Freundschaftsbeteuerungen ist seit einiger Zeit zwischen Hanoi und Peking ein erbitterter Streit über Strategie und Taktik des Krieges im Gange... Verteidigungsminister Lin Piao hatte schön vor einem Jahr in seinem berühmten Artikel, über den Volkskrieg den verbündeten Vietcongs empfohlen, sie sollten ihren Guerillakrieg nach dem Modell des chinesischen Bürgerkrieges führen. So wie Mao Tse-tung in den dreißiger Jahren vor der Übermacht in entlegene Teile Chinas ausgewichen sei und dort auf eine günstige Stunde zum Gegenschlag gewartet habe, sollten auch die Vietcongs der amerikanischen Kriegsmaschine aus dem Weg gehen, sich auf feste Basen im unwegsamen Hinterland zurückziehen und den Kampf vom militärischen auf das politische Feld verlagern. Mittels einer nationalen Front, die Vietcongs und bürgerliche Schichten des Landes vereine, könne das herrschende Regime in Südvietnam allmählich für den Untergang reif werden. Irgendwann würden dann die Vietcongs mit überlegener Macht zum Gegenangriff ibergehen.

China ist mehr denn je bemüht, den Krieg von seinen Grenzen fernzuhalten. Offensichtlich mißbilligt es das Eindringen nordvietnamesischer Truppen in Südvietnam und die verlustreichen Kämpfe mit den Amerikanern, da diese Offensive mit einer gefährlichen Eskalation des Luftkrieges am Golf von Tongking beantwortet wurde. General Giap, der Sieger von Dien Bien Phu, will jedoch den Krieg nach seiner eigenen Vorstellungen führen – offensiv, nicht defensiv.

Auch Peking möchte die Amerikaner in einen langwierigen Dschungelkrieg verwickeln (Außenminister Tschen Ji ermahnte die Vietnamesen, sie sollten ihre abergläubische Furcht vor den Amerikanern aufgeben, dann könnten sie auch siegen), doch will es sich selber heraushalten. Tschen Ji wiederholte vorige Woche noch einmal, was er schon so oft erklärt hat: China würde den Krieg nur dann über seine Grenzen tragen, wenn es von den USA angegriffen werde. Der Leidtragende dieser Politik ist die Sowjetunion, die wider Willen noch tiefer in den Krieg verwickelt wird.