In der DDR entwickelt sich eine Song-Welle. Sie steht unter dem Unstern des 11. Plenums der SED. Es ist wohl so, daß Aznavour, Françoise Hardy, Jean Ferrat, bei einem kleinen Kreis der DDR-Jugend seit kurzer Zeit bekannt geworden, dem Folk-Song weichen müssen. Aber durch das französische Chanson animiert, hatte eine kleine Gruppe von Berliner Jugendlichen angefangen, selbstgeschriebene Texte zu vertonen und vorzutragen. Künstlerisch hervorragend unter den Gründern der Chanson-Welle ist die achtzehnjährige Bettina Wegener. Sie schreibt Texte – engagierte und nichtengagierte – von beeindruckender Einfachheit, und sie weiß ihre Vertonungen mit Intensität vorzutragen.

Kaum einen Kilometer von der Volksbühne entfernt, im Kino International, hat sich der Hootenanny Club eingenistet. Der Hootenanny Club erfreut sich eines großen Kreises von Fans und eines großen Kreises von Aktiven. Die Basis, die man hier findet, ist die Folk-Song-Bewegung. Der Hootenanny Club – von dem Song-Sänger Perry Friedman gegründet – ist mehr als Mitsinge- und Mitklatsche-Klub gedacht. Es gibt bereits eine Hootenanny-Langspielplatte, eine Platte von „Team 4“, einer Band, die sich mit dem Klub zusammengetan hat, und einige der Sänger sind im Radio zu hören.

Der Jugendsender DT 64, der beim 11. Plenum Haare lassen mußte, nimmt sich des Hootenanny Clubs an; der Fernsehfunk ist aufmerksam geworden, und die FDJ wahrt ihre Interessen. Denn sie, die beim 11. Plenum auch ihren Teil bekam, hat es sich noch nie entgehen lassen, sich in Angelegenheiten der Jugend einzumischen, um hinterher sagen zu können: Es war unsere Initiative! Steuert die Sache aber in eine falsche Richtung, so steigt die FDJ kurz vor einem großen Krach wieder aus und sagt: Die Jugendfreunde haben sich trotz vieler Diskussionen nicht vom richtigen Weg überzeugen lassen.

Bei dem Treffen der Jugend des Bezirkes Frankfurt/Oder und der Jugend Berlins in Eisenhüttenstadt – ehemals Stalinstadt – zeigte sich die Wirksamkeit des Hootenanny Clubs. Mit einem Leierkasten zogen die Hootenannies durch Eiienhüttenstadt und warben für ihre Veranstaltungen, die auf teils improvisierten oder auch teils sehr kleinen Bühnen mit Erfolg abliefen. Die Fans, aus Berlin mitgekommen, sorgten für Stimmung, und sehr schnell gewannen die Zuschauer den Mut, Refrains mitzusingen. Sogar Paul Verner, SED-Beauftragter für die Vorbereitung der Gespräche mit der SPD und Erster Sekretär seiner Partei in Berlin, ließ es sich nicht nehmen, die dümmlichen Verse eines karelischen Schwankes mitzusingen.

Dem wirklichen Lied gegenüber ist man mißtrauisch. Wohl, weil man nach dem 11. Plenum sick nicht mehr traut, Texte zu verfassen, die kritisch sind. Die Hootenannies fühlen sich als geistige Elite; sie bestimmen vorher, was man dem „breiten Publikum“ – zum Beispiel dem Publikum in Eisenhüttenstadt – nicht vorsingen darf. Sie schätzen die ideologische Stabilität ein, die das Publikum – im Sinne der DDR – haben könnte. Und diese ist ihrer Schätzung nach sehr labil. Eines ist gewiß: Die Hootenannies sind nicht mehr der „breiten Masse“ zugehörig; sie kämpfen um die Anwärterschaft für die Funktionärskaste. Und die Fans, die einem Biermann offen zugejubelt haben und die ihm heimlich nachtrauern, kuschen vor der Parteilinie, die ihnen allgegenwärtig ist.

In Eisenhüttenstadt war der Erfolg der Hootenannies beachtlich. Die FDJ wird vielleicht eines Tages sagen können: Wir haben nach den Minnesängern es zum ersten Male geschafft, auf der Basis breiter Massen das deutsche Lied zu beleben. Das deutsche Lied? Was wird sein, wenn die „Go down Moses“ und „John Browns Body verklungen und die neuen Bekenntnislieder ausgeleiert sind? Werner Ludwig Born