Von Tadeusz Nowakowski

Wer liest schon Klappentexte? Ich! Und manchmal möchte ich die gelobten Autoren gegen ihre Lobredner verteidigen. Was da zum Beispiel der Insel-Verlag über seinen polnischen Autor Kazimierz Brandys schreibt, mindert mich. Wer ist Brandys? Er lebt in Warschau. Er ist fünfzig Jahre alt und schreibt Prosa. So weit, so gut. Aber wir erfahren noch folgendes: „Er emigrierte nicht,.verzichtete auf literarische Experimente und ließ sich weder zum Hofnarren noch zum Märtyrer des Sozialismus machen.“ So wird uns der Verfasser des Buches „Briefe an Frau Z.“ vorgestellt.

Daß jemand auf literarische Experimente verzichtet, weder Emigrant noch Hofnarr noch Märtyrer ist, scheint mir noch keine nennenswerte Leistung oder schriftstellerische Tugend. Auch als Maßstab wird es kaum von Nutzen sein. Ich persönlich möchte gern literarisch experimentieren, aber ich kann das nicht. Soll ich nun aus meiner Unzulänglichkeit eine Tugend machen und coram publico erklären: ich hätte verzichtet auf literarische Experimente? Und was das Nichtemigrieren-Wollen oder Nicht-emigrieren-Können betrifft: ob das ein Verdienst ist? Manchmal sind Grundsätze und Uberzeugungen im Spiel, manchmal ist es eine Sache des Charakters oder vielleicht gar der Physiologie: Es gibt Menschen, die organisch unfähig sind, außerhalb ihres Landes zu leben. Noch komplizierter wird es mit dem Prädikat „kein Märtyrer“. Man kann zum Beispiel dem Martyrium aus dem Wege gehen, indem man bessere Beziehungen zu den Löwen als zu den ersten Christen unterhält. (Was bei dem „Tauwetter“-Trommler Brandys seit 1956 nicht mehr der Fall ist.)

Auch die andere, nicht weniger wertvolle Mitteilung des Verlages, der begabte homo varsoviensis „betreibe weniger das glatte Geschäft der Bloßstellung und schon gar nicht das des mechanischen Nonkonformismus, sondern mache Front gegen das Funktionieren von Resignation“, überzeugt mich nicht ganz. Wieso ist man eigentlich in Frankfurt am Main so sicher, daß „das Geschäft der Bloßstellung“ oder das des Nonkonformismus (pardon: „des mechanischen Nonkonformismus“) gerade unter dem polnischen Himmel ein „glattes“ ist? Ob das überhaupt ein Geschäft ist? Müssen denn Worte wie „literarische Experimente“, „Emigranten“, „Märtyrer des Sozialismus“, „Bloßstellung“, „Nonkonformismus“ nur noch halb ironisch oder beinahe pejorativ klingen? Oder hat man diese gesunde Abneigung von dem Erstherausgeber der „Briefe an Frau Z.“ (Verlag Volk und Welt, Berlin-Ost) übernommen?

Und was hat das alles mit Brandys zu tun? Gerade der zur Zeit des Stalinismus sehr erfolgreiche Romancier Brandys, dessen spätere Novelle „Hotel Stadt Rom“ (1956) zu den frühesten Versuchen der polnischen Literatur gehört, die Folgen des Parteiterrors in der Mentalität der Betroffenen sichtbar zu machen, gerade dieser intelligente Saulus außer Dienst könnte von manchem Mißverständnis auf dem Gebiet der politisch-literarischen Interpretation seiner Werke ein Lied singen. Wer nun gerade ihn, den Meistenttäuschten unter den Enttäuschten, als einen braven, unverbesserlichen, aufbaufreudigen Enthusiasten präsentiert, der irrt.

Er ist schon ein sehr polnischer Autor, dieser Brandys. Wie die meisten polnischen Intellektuellen leidet er an seinem Polentum. Der Gedanke, ein Pole zu sein, läßt ihm keine Ruhe. Manchmal empfindet er dabei Genugtuung, manchmal Unbehagen. Das Logbuch einer empfindsamen Reise nach Italien, in koketter Verkleidung eines Briefwechsels mit einer Freundin in Warschau verfaßt, dient ihm als Vorwand, sich dauernd mit der condition Polonaise zu beschäftigen, wobei manche geschickt vorgetäuschte Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der polnischen Welt nichts anderes als eine verkappte Liebeserklärung an seine Pappenheimer am Weichselufer ist –

Kazimierz Brandys: „Briefe an Frau Z.“, aus dem Polnischen von Caesar Rymanowicz; Insel Verlag, Frankfurt; 295 S., 16,80 DM.