Von Peter Grubbe

Der Staatschef von Ghana wurde gestürzt. Der Regierungschef von Nigeria und sein Nachfolger, der Militärdiktator, wurden ermordet. Der ehemalige Ministerpräsident des Kongo wurde hingerichtet. Der Kabaka von Buganda flüchtete nach London. Die Regierungen von Dahomey, Obervolta und der Zentralafrikanischen Republik wurden durch Militärs gestürzt. Der Gouverneur von Rhodesien wurde entmachtet. Der Präsident von Algerien wanderte ins Gefängnis ...

Das sind einige Posten aus der Bilanz eines Jahres in Afrika. Wichtige Posten, denn Kwame Nkrumah etwa, der in Ghana gestürzt wurde, war der erste schwarze Afrikaner, der sein Land in die Freiheit führte; er war ein Symbol für den ganzen Kontinent. Sir Abubaka Balewa, den man in Nigeria ermordete, regierte das volkreichste Land, die potentielle Großmacht Afrikas; er war das immer wieder zitierte Musterbeispiel eines schwarzen Demokraten. Achmed Ben Bella, der heute in Algerien im Gefängnis sitzt, war einer der Sprecher der Dritten Welt. Sir Humphrey Gibbs, der in Rhodesien praktisch unter Hausarrest gestellt wurde, war der Repräsentant Großbritanniens.

Den meisten Europäern, die von der afrikanischen Szene ja nicht viel wissen, gilt die lange Liste nur als Beweis dafür, daß Afrika immer tiefer im Chaos versinkt. Ursachen und Ziele der Unruhen und Umstürze sind schwer auf einen Nenner zu bringen. So boykottieren in Rhodesien Weiße einen Weißen. Im Kongo dagegen hängten Schwarze einen Schwarzen auf. Die gestürzten Staatschefs von Ghana und Algerien waren Repräsentanten der „radikalen Linken“ in Afrika, sie paktierten mit den Kommunisten. Auf der anderen Seite: Der abgesetzte Präsident von Obervolta und der ermordete Regierungschef von Nigeria galten als Konservative und Parteigänger des Westens.

Hört man bei uns von einem neuen Umsturz in Afrika, so lautet das landläufige Urteil: „Es war eben viel zu früh, den Afrikanern die Selbständigkeit zu geben. Sie wissen ja gar nicht, was sie wollen

Das mag einleuchtend klingen, ist aber falsch. Gewiß, der Schwarze Kontinent durchlebt eine Phase innerer Unruhe und Gärung. Doch die Unruhe ist nicht ziellos, sie erwächst nicht aus Zerstörungslust: sie ist eine revolutionäre Unruhe. In Afrika hat die zweite Phase der Revolution begonnen.