Was hat der Bundeskanzler in Skandinavien zum Thema Europa wirklich gesagt? Es läßt sich da nur Tucholsky zitieren: „Sie wissen et nich... Nicht einmal Herr von Hase, zum Hören berufen, zum Reden bestellt, scheint es zu wissen.

Der Regierungssprecher wollte jedenfalls die Korrespondentenberichte weder bestätigen noch dementieren, wonach Erhard in Oslo erklärt haben soll: „Ich glaube nicht, daß wir bemüht sein sollten, die politische Integration der EWG zu fördern, weil ich glaube, je stärker die EWG in den Augen der übrigen Welt und vor allem der freien Nationen ein politisches Gehäuse hat und politisches Instrument wird, um so schwieriger wird die Verständigung sein.“ Wer das Interview gelesen hatte, das Erhard vor seinem Aufbruch nach Norden der Aftenposten gegeben hatte, mochte bei der Lektüre dieses Satzes seinen Augen nicht trauen. Da hatte es nämlich noch geheißen: „Der politische Zusammenschluß Europas, für den die Bundesregierung nach wie vor eintritt, soll... noch enger werden.“

Was den plötzlichen Sinneswandel des Kanzlers bewirkte, ist schwer zu ersehen. Gewiß, in jedem besseren Zeitungsarchiv läßt sich nachlesen, daß Ludwig Erhard ganz früher nie ein begeisterter Parteigänger der EWG war, weil er die große Freihandelszone wollte. Inzwischen aber hatte er sich in zwei Regierungserklärungen auf das politische Sechser-Europa verpflichtet, hatte er seine außenpolitischen Anstrengungen lange Zeit darauf konzentriert, eine europäische Vorkonferenz zustandezubringen, hatte er sich mit de Gaulle ob dessen Mangel an Europa-Beflissenheit gezankt. Wozu dann dies alles? so fragt man sich.

Es ist schon seltsam. Rainer Barzel revidiert in New York die hergebrachte Deutschlandpolitik, Ludwig Erhard in Skandinavien den bisherigen Europa-Kurs. Nun ließe sich ja in der Tat über vieles reden. Aber warum eigentlich nur im Ausland, noch dazu in sporadischen Äußerungen? Warum nicht in Bonn und in den großen Zusammenhängen, die zu erfahren das deutsche Volk wohl einen Anspruch hat? Th. S.