Von Wilhelm Wolfgang Schütz

Das Vakuum der Macht, nicht China ist die große Gefahr in Asien. Man wird mir entgegenhalten: ohne chinesische Expansion würde es in Asien keine Krise geben; ohne chinesische Unterstützung hätte Nordvietnam längst eingelenkt; ohne chinesischen Druck auf die Himalaja-Grenze wäre Indien wirtschaftlich bereits viel weiter. All dies zugegeben. Dennoch ist dies nicht das wahre Problem.

In Asien gibt es kein System der Mächte, das geeignet wäre, die äußere Stabilität zu wahren, um dadurch Zeit zu gewinnen für den Aufbau der inneren Stabilität. Natürlich spielen Mächte eine Rolle in Asien. Dennoch ist kein stabiles Gleichgewicht zwischen ihnen, zwischen den mittleren und kleineren Staaten in Sicht. Ganz im Gegenteil. Bestenfalls läßt sich von einem stabilisierten Ungleichgewicht sprechen.

Nehmen wir das Abkommen von Taschkent. Die Vermittlung der Sowjetunion hat zwar die Kämpfe zwischen Indien und Pakistan im Herbst vorigen Jahres beendet. Doch weder Neu-Delhi noch Rawalpindi trauen dem Frieden. Sie sprechen von neuen Spannungen. Sie rüsten nach wie vor gegeneinander.

Zweiter Fall: Vietnam. Keine Lösung, die Hanoi, Saigon oder Washington aufzeigen, wirkt auch nur annähernd stabil. Keiner Regierung, die in Südvietnam denkbar ist, läßt sich eine sichere Zukunft vorhersagen.

Drittes Beispiel: Indonesien und Ceylon. Beide Inselstaaten haben zwar zunächst die Gefahr des Linksradikalismus abgewendet. Doch weder die Regierung Suharto noch die Regierung Senanayeke wirkt so dauerhaft, daß andere Entwicklungen undenkbar wären.

Läßt sich dieser Zustand ändern? Ist ein stabiles Gleichgewicht erreichbar? Um darauf zu antworten, muß man zunächst die Gründe für die Unsicherheit des jetzigen asiatischen Mächtesystems ansehen. Es fehlen in fast allen Staaten die materiellen Voraussetzungen für eine moderne Wirtschaft und Gesellschaft. Es fehlen die erforderlichen Mittel in den Industrienationen, um rasch genug mit ausreichender Hilfe einzugreifen. Es fehlt der Zusammenschluß mehrerer Großmächte, um die äußere Gefahr einer Machtverschiebung radikalen Ausmaßes zu verhindern. Es fehlt eine Kontinentalmacht, die als stabilisierender Faktor wirken könnte. Und es zeichnet sich ein Hegemonialanspruch einer Großmacht China ab.