Von Carl Weiß.

Pnom Penh, im September

Die kambodschanische Hauptstadt Pnom Penh ist ein Labsal, verglichen mit der Nachbarkapitale Saigon. Die kurze Reise zwischen beiden Städten: 35 Flugminuten, bietet einen Unterschied im Lebensklima wie in den fünfziger Jahren etwa die Reise zwischen Wien und Budapest.

Pnom Penh war schon immer sauber und blumenbestanden und nie übervölkert. Für den Besuch des französischen Staatspräsidenten hatte sich die Stadt dann noch besonders herausgeputzt. Selbst die wuseligen Märkte am Stadtrand wirkten aufgeräumt. Man hat den Eindruck, daß die Fahrrad-Rikschas auf deren Sitzen weiße Kissen liegen, weniger klappern als anderswo in Asien. Die Kolonialarchitektur an den Avenuen prangt in frischen Farben. Die Paläste und Pagoden funkeln gelb und gold – fast wie neu.

Der Autoverkehr ist mäßig, und das Warenangebot begrenzt. Man lebt bescheiden, aber nach den Maßstäben dieser Weltregion nicht arm. Das Land hinunter zum Siam-Golf mit der neuen Hafenstadt Sihanoukville und das Land hinauf zu den Dschungeln und Tempeln von Angkor ist dünn besiedelt, aber intensiv genützt. Kambodscha hat einen hohen Reisüberschuß.

Um diese Jahreszeit ragt der Reis erst einen Fuß hoch aus dem Wasser. Man rollt auf dem Fahrdamm Stunde um Stunde vorbei an leuchtend grünen Seen. Dazwischen strahlendes Gelb – Dotterblumen? Nein: Bettelmönche in der gelben Robe. Die Höfe sind Pfahlbauten mit Schilfdach, geräumige, solide Hütten. Nach Sonnenuntergang sitzen die Bauern in der Türöffnung und spielen mit ihren Kindern. Sie tragen alle Hemd und Hose und haben außerdem ein schönes Feiertagsgewand im Kasten. Viele besitzen ein Fahrrad und ein Transistorradio.

„Wo, in der Tat, und wo besser als in Kambodscha hätte ich meine Gedanken und meine Hoffnungen ausdrücken sollen? ... steht dieses Königreich doch in der Mitte eines zerrissenen Indochina als ein Modell der Einheit und der Unabhängigkeit.“ Dies waren General de Gaulles Schlußworte bei seiner programmatischen Rede im Sportstadion in Pnom Penh. Er hob zum letzten Mal die ausgebreiteten Arme zum gaullistischen Führergruß, und der Beifall rauschte auf.