Von Georg U. Kammer

Also nach dem Alex, schräg über die Karl-Marx-Allee, beim International, aber nicht vorne rein ins Kino, sondern rechts an der Wand lang, in die Seitentür, vorbei am Pappschild „Hootenanny Club“ und schmale Treppen hoch in einen Raum wie in Jugendherbergen, kahl, mit einem Kaktus auf dem Regal, einem Klavier, einem Jungen, der Plakate von der Greco und Gilbert Bécaud an die Wand pinnt.

Und der Raum ist bumsvoll. So stell ich mir den CVJM vor, abends, aber es sind siebzig Hootenannies, sie legen Bretter über die Stühle, drängeln sich, kommen an. Nur ich denke, wie ich um Mitternacht über die Friedrichstraße wieder zurückkomme oder was passiert, wenn es auffliegt. Ich schiebe mich durch und sage „Gun’amd Leute“, wie man mir’s vorher eingebleut hat. Und die grüßen auch, und ich klemme mich an einen Tisch, weiß nicht, was ich so schnell tun soll, mache einen Fehler, ziehe die Zigaretten raus und fummle dran. Einer vor mir sagt „schieb mal ne Natolulle rüber“ und sagt „haste Westbesuch und ich: „gestern“, und werde schon froher, es sind ein paar hübsche Miezen hier, auch ein paar dicke mit Pickeln,die werden nachher den Mund nicht aufreißen beim Singen.

Auf dem Tisch liegen Zettel, blaßblau abgezogene Lieder, und zwei Typen gehen ans Klavier, der eine spreizt die Hände, haut in die Tasten, stampft mit ganzer Sohle, aber der andere schreit „nein, A7“, und sie versuchen das Lied zu transponieren.

Dann steht eine Frau Baumgart auf, hebt die Arme, „pst“, und ich soll meine Zigarette ausmachen wegen der Luft, wir wollen jetzt was Schönes singen, sie wird’s uns schon zeigen. Die vom Klavier sind weg, und sie, mit angegrautem Pony, Hosen und einer Gestik, als hätte sie Max Reinhardt überlebt oder käme von Loheland, sie balanciert auf der Klavierbank, greift unter sich, spielt und stippt den andern Arm in die Luft, singt vor, denn wir sollen nachsingen, und ich muß büßen, daß ich je über Herbergen, Volkslieder, Klampfen und jugendbewegtes Nippes gelästert habe, denn dies hier ist ein Volkslied, daß mir heiß wird und meine Kehle eng ist und die Stimme drückt.

Erst müssen wir auf mimimi singen, dann auf Text: „Kuckuck ruft im Tannenwald, hat ein Weibchen ins Nest genommen.“ Und später: „Springen die Burschen vom Floße herab, und jauchzen im Abendglanze, unten die Mädchen warten schon, in weißen Kleidern beim Tanze.“ Kein Biermann, kein Pete Seeger, nicht von den vier Generälen und Franco, sondern danach ein Kanon namens Jampapapa, aber das schleppt sich mühsam, und wir werden angepfiffen, sollen doch mehr Schwung zeigen und aufstehen. Vielleicht macht es allen Spaß, nur mir nicht.

Hootenannies, sind das Linksaußen oder Rechtsabweichler der FDJ? Noch ist dies keine Werkstatt für Protestsongs. Ich soll mit fünf anderen den Kanon anfangen, aber das haut nicht hin, in der anderen Ecke kalbern vier Mädchen, in Mimik und Kleidern so, wie „Forum“ es ihnen eingesagt hat. Ein Photograph rutscht in Hocke, das Auge am Sucher, zur schönen Tatjana, die schaltet einmal mehr auf naiv, strahlt die Deckenlampe an, wechselt zur Besinnlichkeit, gestikuliert mit den Freundinnen und zeigt mit Raffinement das linientreu erfüllte Stereotyp von der Natürlichkeit.