Von Marcel Reich-Ranicki

Die Klassiker seien „im Krieg gestorben. Sie gehören unter unsere Kriegsopfer. Wenn es wahr ist, daß Soldaten, die in den Krieg zogen, den ‚Faust‘ im Tornister hatten – die aus dem Krieg zurückkehrten, hatten ihn nicht mehr.“ Also sprach Brecht im Jahre 1929.

Wie wir wissen, war er nicht ganz im Recht. Die deutschen Klassiker, die bedeutendsten zumindest, gehörten nicht, zu den Opfern des Ersten Weltkrieges, sondern eher schon zu jenen, die aus ihm glücklicherweise Profit gezogen haben. Denn damals merkte man, daß es höchste Zeit war, das Verhältnis zu ihnen zu überprüfen. Also sie ernst zu nehmen. Nicht die Klassiker waren gestorben, wohl aber wurde die seit Generationen übliche Klassikerverehrung, in Frage gestellt. Der vor rund einem halben Jahrhundert begonnene Revisionsprozeß dauert immer noch an.

Am wenigsten trifft Brechts Diagnose gerade auf denjenigen zu, gegen den er sich am heftigsten gewehrt hat: auf Schiller. Nach 1945 zeigte sich zwar erneut, daß vieles im Schillerschen Werk für uns lächerlich und unerträglich ist. Doch zeigte sich auch, daß wir es dennoch kaum entbehren können. Und daß es sich leicht verspotten und schwer ersetzen läßt.

Der vielfach Totgesagte wird unentwegt gedruckt und aufgeführt, kommentiert und übersetzt. Er findet ein relativ beträchtliches Publikum auch außerhalb des deutschen Sprachbereichs. Er regt die Wissenschaftler an, er provoziert die Schriftsteller – einen Brecht ebenso wie einen Dürrenmatt –, er fordert wie eh und je die jungen Regisseure heraus, die – wie unlängst in Wiesbaden und Bremen – mit dem „Teil“ und den „Räubern“ experimentieren. Niemandem will es gelingen, ihn endgültig umzubringen. Nicht einmal den deutschen Germanisten.

Schiller, der strapazierfähigste Dichter Deutschlands, lebt. Und läßt andere leben. Vor allem die Verleger. Offenbar füllt er ihre Kassen wie Beethoven die Konzertsäle. Sonst würde nicht eine Schiller-Ausgabe nach der eineren erscheinen.

Könnte jemand, etwa der Börsenverein des deutschen Buchhandels, einmal ausrechnen, wieviel Bände Schiller – einschließlich der Tischen bücher – seit 1945 in beiden Teilen Deutschlands gedruckt wurden? Und vielleicht könnten wir noch erfahren, wo sich diese Millionen von Exemplaren befinden? Ist es jetzt in besseren Familien üblich, nicht nur einen Zweitwagen zu haben, sondern auch einen zweiten Schiller oder gar mehrere Editionen? Oder läßt man sie alle paar Jahre diskret im Mülleimer verschwinden, um Platz für neuere Ausgaben zu machen?