F. R., Ahlen

Ahlen in Westfalen ist eine der fünf sogenannten „Kontakt-Städte“ des Westberliner Bezirks Schöneberg. Die fünfjährige Verbundenheit zwischen Berlinern und Westfalen trug bereits Früchte: Vor vier Jahren, anläßlich der ersten „Ahlener Woche“, gab es eine Berliner Photoausstellung zu sehen; seit einem Jahr hat Ahlen einen „Berliner Park“, den ein kunstvoller Berliner Bär ziert.

Kürzlich befand nun der Ahlener Stadtrat, daß die Beziehungen vertieft werden müßten. Er beschloß also eine Reise aller 37 Ratsmitglieder nach Berlin, um dort mit dem Schöneberger Bezirksparlament eine gemeinsame Sitzung abzuhalten. Kostenpunkt der Fahrt – so rechnete die Ahlener „Volkszeitung“ aus – ungefähr 20 000 Mark. Alsbald waren die Spalten der Ahlener Zeitung mit Briefen empörter Leser gefüllt: „Was hat der kleine Mann in Berlin denn davon, wenn er weiß, daß da irgendwo aus Ahlen Politiker kommen und sich mit seinen Volksvertretern getroffen haben?“ – „Es gibt doch auch in Berlin viele Rentner, die mit einer mageren Rente auskommen müssen. Mancher Opa und manche Oma wären froh, wenn man sie mit etwas zusätzlichem Geld unterstützen würde.“ – „Die Abgeordneten, die in punkto Sparsamkeit mit gutem Beispiel vorangehen sollten, verschleudern die ihnen anvertrauten Steuergelder der Bürger.“ Auch der Bund der Steuerzahler übte an den Reiseplänen heftige Kritik: „Für die vorgesehenen 20 000 Mark könnten zahlreiche Berliner Kinder im Landschulheim Ahlens zu einem Erholungsaufenthalt kommen.“

Die Ahlener Stadtväter sahen sich in die Defensive gedrängt. Mit ihrem Reiseprogramm konnten sie freilich auch wenig Staat machen. Außer der Ratssitzung – Tagesordnung: Austausch von Fahnen und Überreichung von Ehrenringen – waren zwei gemeinsame Essen mit den Schöneberger Fraktionen, eine Wannseefahrt und eine Sitzung der Sparkassenräte vorgesehen.

Doch im Ahlener Rathaus gab man sich trotzig: „Die Reise kann gar nicht abgeblasen werden, es ist ja alles vorbereitet.“ Zudem seien die Kosten des Unternehmens in der Öffentlichkeit „weit übertrieben“ worden. Bürgermeister Heinrich Linnemann nahm die „Volkszeitung“ unter Beschuß: „Das haben die wahrscheinlich nur aufgebracht, weil ‚Saure-Gurken-Zeit‘ war!“ Den Vorwurf des Bundes der Steuerzahler, hinter dieser Dienstreise müsse man „auch persönliche Motive“ vermuten, wies er zurück: „Bisher fuhren von uns ja immer nur ein oder zwei Personen nach Schöneberg. Jetzt wird sich einmal der gesamte Rat ein Bild machen.“ Unbeirrt von den Protesten ihrer Wähler brachen am Sonntag 22 Stadtväter und 13 Mitglieder der Ahlener Verwaltung nach Berlin auf. Zwei Stadträte mußten zu Hause im Bett bleiben, zwei beteiligten sich „aus Protest“ nicht an der Reise.

Braunschweigs Oberbürgermeister Bernhard Ließ, dessen Stadt ebenfalls zu den Kontakt-Orten von Schöneberg gehört, gab seinem Berliner Kollegen Josef Grunner einen Korb. Zwischen beiden Städten wird es keine gemeinsamen Ratssitzungen geben. Meinte der Braunschweiger OB: „Für solche Faxen haben wir kein Geld!“