• „Max Beckmann – Sammlung Lackner, USA“ (Bremen, Kunsthalle): Zum erstenmal ist jetzt, ein Jahr nach der großen Beckmann-Retrospektive, die Sammlung Stephan Lackner in Europa zu sehen. Stephan Lackner hat seine Bilder nach Bremen begleitet, er hat sich als Student für Beckmann entschieden und an dieser Entscheidung für immer festgehalten, ein Leben mit Beckmann, für Beckmann, er hat Bücher über Beckmann geschrieben und vor allem in Amerika entscheidend dazu beigetragen, den unbekannten Maler durchzusetzen.

Das erste Bild hat Lackner im Frühjahr 1933 gekauft, es stand im Keller des Erfurter Museums, die geplante Ausstellung wurde aus politischen Gründen abgesagt. Das Bild heißt „Adam und Eva“, unter den harten, brutalen, abweisenden Beckmann-Bildern ist es eines der schroffsten. Bis 1939 hat Lackner regelmäßig Bilder von Beckmann erworben, die meisten hat er im Atelier ausgesucht, erst in Berlin, später nach der Emigration in Amsterdam. Auch Lackner mußte wie Beckmann emigrieren, erst nach Paris, 1939 ist er nach Amerika gegangen. Es wird oft und leichtfertig davon geredet, Privatsammlungen seien das Ergebnis eines geistigen Dialogs zwischen Künstler und Sammler; Großindustrielle können hilfreiche Mäzene sein. Reemtsma hat gewiß viel für Barlach getan, aber daß sie einen und sei es auch nur wortkargen Dialog geführt hätten, sollte man besser nicht behaupten. Beckmann hat den sehr viel jüngeren Lackner als Partner akzeptiert. Lackner ist kein Industrieller, sondern Schriftsteller. Sein Drama „Der Mensch ist kein Haustier“ ist 1937 in Paris erschienen, Beckmann hat sieben Lithographien zu dem Text beigesteuert. Auf dem Lackner-Porträt von 1939 sieht man einen jungen, ungeheuer ernsten, angestrengten Literaten, der sein erstes Opus in der Hand hält: Hüter des Buches, im Hintergrund erscheint der Eiffelturm, sein straffes Lineament übernimmt und verstärkt die konzentrierte Energie der Gesichtszüge.

Lackner hat unsystematisch gesammelt, keine markanten Beispiele für bestimmte Stilphasen, sondern nach dem Grad der eigenen Betroffenheit, vorwiegend Bilder aus den dreißiger Jahren. Nur ein frühes Bild ist dabei, die veristische Komposition „Adam und Eva“ von 1917, das thematische Gegenbild zu dem Gemälde von 1932. Das einzige Nachkriegsbild der Sammlung ist 1946 datiert, Beckmann nennt es in seinen Amsterdamer Tagebuchnotizen abwechselnd „Traum des Mädchens“ oder „Afternoon“ oder „Besuch“.

Hauptstück der Sammlung ist das Triptychon „Versuchung“. Beckmann hat es 1936 und 1937 in Berlin gemalt, Lackner hat es im Herbst 1937 in Paris erworben, 1938 war es in London auf der Ausstellung „20th Century German Art“, mit der die emigrierten deutschen Künstler gegen den Wahnsinn der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München protestierten. Chronologisch ist es das zweite der neun Triptychen, in Deutschland sieht man es zum erstenmal. Was sich auf dem Triptychon abspielt, ist Welttheater großen Stils, menschliche Komödie oder, mit einem Lieblingswort Beckmanns, „Zirkus“. Es ist „Historienmalerei“ durchaus im Sinne der Barocktradition, als Darstellung eines entweder mythologischen oder religiösen oder zeitgenössischen Geschehens; oder, eine Beckmannsche Spezialität, als die Kombination aller drei Ebenen. Die „Versuchung“ demonstriert in realen und mythischen Figuren ein „groteskbanales“ Faktum: totale Verstrickung und totale Beziehungslosigkeit. Stephan Lackner hat sich in seinem Buch über die neun Triptychen gewissenhaft und detailliert darum bemüht, diese rätselhaften Existenzbilder zu erläutern. Was meint der Liftboy mit der Krone auf dem Tablett („heute tritt eben das Schicksal als Liftboy auf“, erklärte Beckmann), was meint die Frau im Käfig, der Riesenvogel, die gepanzerte Göttin? Nur in Ansätzen ist die Symbolik zu entwirren, die literarische Ausdeutung endet an der Grenze zwischen Vexierbild und Malerei, in ihrer formalen und farbigen Funktion ist die Krone des Liftboys vollkommen einleuchtend, gezacktes Gelb.

Neben den „Historienbildern“, zu denen man außer den formidablen „Geschwistern“ auch die Berliner und Pariser Barszenerien zählen kann, liegt der Hauptakzent bei den Landschaften, die bei der Beckmann-Retrospektive 1965 kaum vertreten waren. 16 Beckmann-Landschaften in einem Raum, das hat man vor der Bremer Ausstellung noch nicht gesehen. Auch die Landschaften sind keine friedlichen Bilder, ausgenommen der „Blick auf den Chiemsee“ von 1932, das meistreproduzierte und harmloseste Beckmann-Bild, eine Heuernte in schläfrigem Grün, eine Idylle. In den Nordseebildern zerschneiden die Wolken scharf wie Schwerter den Himmel, das Meer ist eine riesige Welle, die gegen den gewölbten Horizont steht. „Als ich die ersten überraschenden Photos der Astronauten mit der sichtbaren Horizontkrümmung sah, dachte ich: Beckmanns Geist muß schon dort draußen geschwebt haben“, kommentiert Lackner das Bild „Nordsee III“, das Beckmann nicht vor der Natur, vielmehr 1937 in Berlin gemalt hat.

Zusammen mit der Lackner-Kollektion präsentiert die Bremer Kunsthalle ihren gesamten Eigenbestand: 9 Gemälde, 10 Zeichnungen, 1 Bronze und 271 Blätter Druckgraphik. Die Ausstellung, die der Initiative von Günther Busch zu danken ist, bleibt bis zum 30. Oktober in Bremen. Sie geht weiter in die Berliner Akademie der Künste, nach Karlsruhe, Luzern, Linz und Wien.

Gottfried Sello