Die Pekinger „Kulturrevolution“: Ursachen und Folgen

Von Wolfgang Leonhard

In China wütet noch immer die Rote Garde. Das Verhältnis zwischen Moskau und Peking ist gespannt wie noch nie. Die „große proletarische Kulturrevolution“ isoliert das Regime zusehends. Was steckt hinter diesem Ausbruch von Fremdenhaß und Straßenterror? Wolfgang Leonhard analysiert hier die gesteuerte Eruption: als Ausdruck einer Torschlußpanik bei Mao Tse-tung, wie sie zuletzt auch Stalin ergriffen hatte.

Seit etwa einem halben Jahr hat sich der Akzent in der Politik des kommunistischen Chinas deutlich verschoben. Die außenpolitischen Rückschläge, vor allem auch die Isolierung Pekings in der kommunistischen Weltbewegung, haben dafür wohl den Anstoß gegeben.

Noch im Sommer 1965 sah es so aus, als werde es Peking gelingen, einen bedeutenden Teil der kommunistischen Weltbewegung auf seine Seite zu ziehen. Neben Albanien als engstem Verbündeten standen damals Nord-Korea und Nord-Vietnam der Pekinger Richtung sehr nahe, und das Kuba Castros ließ starke Sympathien erkennen. Die kommunistischen Parteien Indonesiens, Japans, Malayas, Birmas und Neuseelands liefen völlig auf Pekinger Kurs. In den Parteien Australiens, Brasiliens, Paraguays, Indiens, Ceylons und Belgiens stand eine offene Spaltung bevor, und es schien zunächst, daß ein maßgeblicher Teil sich nach Peking orientieren werde. In fast allen kommunistischen Parteien schossen Pro-Peking-Gruppen wie Pilze aus dem Boden. Chinas Einfluß in den kommunistisch geleiteten Massenorganisationen wie dem Weltfriedensrat und der Weltjugendbewegung wuchs so schnell, daß mit der Gründung einer Gegen-Internationale durchaus zu rechnen war.

Von alledem ist heute, drei Jahre später, kaum noch etwas zu spüren. Die Maßlosigkeit der chinesischen Angriffe gegen Moskau hat viele Verbündete Pekings abgeschreckt; die fast völlig auf China ausgerichteten ideologischen Thesen („Lehre Mao Tse-tungs“) werden nicht mehr ernst genommen. So folgten die Rückschläge: Nord-Korea und Nord-Vietnam haben sich wieder von Peking gelöst; das Kuba Castros steht mit Peking in schärfster Fehde; die Kommunistische Partei Indonesiens ist völlig zerschlagen worden, die japanische KP hat sich von Peking distanziert; in Brasilien, Belgien, Indien, Ceylon, Australien und anderen Ländern sind die prochinesischen Fraktionen zu winzigen Grüppchen geschrumpft oder verfolgen nun einen unabhängigen Kurs.

Diese Isolierung Chinas und dazu seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten lösten innerhalb der chinesischen KP eine starke Gegenströmung aus. Selbst innerhalb der Führung wurden nun Stimmen laut, die für eine Veränderung des Kurses plädierten: außenpolitisch für eine Normalisierung der Beziehungen zur Sowjetunion, wohl auch die Wiederaufnahme der militärischen Beziehungen, ohne die eine Modernisierung der chinesischen Armee nicht möglich ist; innenpolitisch für eine pragmatische Wirtschaftspolitik bei gleichzeitiger Zurückdrängung der wirklichkeitsfernen Mao-Ideologie und der übermäßigen Parteikontrolle über alle Lebensbereiche. Gerade die jüngere Generation stand diesen Tendenzen aufgeschlossen gegenüber.