Von Hildegard Hamm-Brücher

Auf die „Gretchenfrage 1966“ gibt es in der Bundesrepublik für Lehrer an staatlichen Bekenntnisschulen im allgemeinen und an bayerischen im besonderen keinerlei faustische Antwort. Da heißt es nicht: wer darf ihn nennen und wer bekennen? Da heißt es vielmehr: Jeder – ausnahmslos jeder muß ihn nennen, und jeder – ausnahmslos jeder – muß bekennen, andernfalls nämlich darf er an staatlichen Bekenntnisschulen gar nicht verwendet werden.

Es stellt sich dann aber nicht mehr die in der ZEIT bisher auf hohem Niveau diskutierte Frage, ob Lehrer Christen sein müssen, sondern ein paar andere, wesentlich banalere und heiklere: Wie garantiert der Staat hierzulande dieses Christsein-Müssen der Lehrer? Wie haben sie’s mit der Religion zu halten? Wer entscheidet im Zweifelsfall über Christsein oder Nicht-Christsein?

Auf diese einigermaßen drakonische Variante der Gretchenfrage gibt es, wie schon gesagt, keine faustische Antwort, sondern in Wirklichkeit nur staatliche Faustregeln, mit denen – sozusagen auf dem Dienstweg – über die Tauglichkeit zum christlichen Lehrer entschieden wird: Denn der Staat, der christliche Staatsschulen – garantiert, muß folgerichtig auch christliche Lehrer des Staates garantieren. Und da er das nicht wirklich kann, insbesondere nicht in einer „freiheitlichdemokratischen Grundordnung“, beginnt hier ein meiner Ansicht nach großes Ärgernis und ellenlanges Knäuel der Heuchelei, in das sich die westdeutsche Gesellschaft, ursprünglich vielleicht sogar gutgläubig, mittlerweile aber höchst bedenklich, verstrickt hat.

Zu den ehrenwerten, tiefschürfenden und von religiösem und sittlichem Ernst zeugenden Argumenten, die in der ZEIT-Diskussion vorgetragen wurden, kann man mit Bertolt Brecht eigentlich nur sagen: Die Verhältnisse, die sind nicht so! In Wirklichkeit besteht unser christliches Schulwesen aus – Formalitäten, und auch die staatlichen Anforderungen an das „Christlich-sein Müssen“ der Lehrer sind nicht viel anders zu bezeichnen. Sie sind so schematisch, grobschlächtig und vordergründig, gelegentlich so hochnotpeinlich, daß wirklich christliche Lehrer darüber verzweifeln müssen und der Rest, mehr oder weniger abgestumpft, das Christlich-sein-Müssen eben schluckt.

Wenn man über diese Wirklichkeit einmal ganz offen sprechen möchte, dann wird die Diskussion leider banal.

In Bayern zum Beispiel sind alle künftigen Volksschullehrer zum Studium an einer konfessionellen Hochschule gezwungen. Nur wer sie erfolgreich absolviert hat, erfüllt die Voraussetzung, um als christlicher Lehrer anerkannt zu werden. Im bayerischen Parlament war jahrelang buchstäblich darum gefeilscht worden, wie viele Wochenstunden Unterricht in „weltanschaulich bedeutsamen Fächern“ wohl erforderlich seien, bevor ein Student als christlicher Lehrer tauglich geschrieben werden kann. Es kam schließlich zu einem rein politischen Kompromiß, der von den Kirchen sanktioniert wurde. Wenn von Studenten aber ein oder zwei Wochenstunden Ewiger belegt werden, dann ist es ein für allemal vorbei mit der Tauglichkeit!