Genossinnen! Genossen! Unser Ziel ist die Organisierung der Permanenz der Gegenuniversität als Grundlage der Politisierung der Hochschulen!“ Zugegeben, dieser Satz liest sich schauderhaft, aber er hört sich großartig, ja furchterregend an, wenn Rudi Dutschke vom Berliner SDS ihn formuliert. Jedesmal, wenn er im Großen Saal des Frankfurter Studentenhauses, wo der Sozialistische Deutsche Studentenbund seinen 21. Ordentlichen Bundeskongreß abhält, ans Rednerpult tritt, wird es still unter den Delegierten. Wie Peitschenschläge fahren seine Thesen auf das Auditorium nieder. Dutschke, Slawist und Experte in der Geschichte der Arbeiterbewegung, hat das Zeug zum Demagogen. Unter schwarzen Brauen blickt er finster drein, die Haarsträhnen fallen ihm in die Stirn, der schmächtige Körper scheint zu beben, sobald das Temperament mit ihm durchgeht. Und jeder weiß, wen (und was) er meint, wenn ihm im Eifer des Gefechts nur noch die Vornamen heraussprudeln: „Rosa – Karl – und Leo!“

Wer mit dem leibhaftigen Bürgerschreck auf so vertrautem Fuße lebt, kann einen Baron Guttenberg in der Tat das Gruseln lehren. Aber sind die SDSler wirklich jene gefährlichen Verschwörer, vor denen er jüngst die Bundesrepublik warnen zu müssen glaubte? Zumindest sehen sie so aus. Viele von ihnen könnten einem Bilderbuch der Revolution entsprungen sein: Ungekämmt, langmähnig, mit Rauschebärten und Koteletten, hemdsärmelig oder in Pullovern. Ihrem Habitus und ihrer Gesinnung nach würden sie freilich eher in die Epoche der deutschen Romantik als in das Zeitalter der Gammler und Beatles hineinpassen.

Diesen jungen Heißspornen ist im letzten Jahr sichtbar der Kamm geschwollen. Die Durststrecke nach der gewaltsamen Trennung von der sozialdemokratischen Mutterpartei ist überstanden, die Finanzen sind geordnet, die Mitgliederzahlen steigen. Vietnam-Demonstrationen, Notstandskongresse und Studentenrevolten haben der Studentenschaft und der Öffentlichkeit vor Augen geführt: Der linkssozialistische SDS ist heute die aktivste und stärkste politische Studentengruppe in der Bundesrepublik. Er versteht sich selber als das verkörperte schlechte Gewissen der SPD, als ein notwendiges Korrelat unserer Wohlstandsgesellschaft. Seine Anziehungskraft ist so groß, daß die von der SPD aufgezogene Konkurrenzorganisation des Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB) beinahe schon ein Anhängsel des SDS geworden ist. Von den westeuropäischen Linkssozialisten und der linken Opposition im Ostblock wird er heute bereits als gleichwertiger Partner akzeptiert.

Aber kann der SDS den Platz einer NSPD, einer KPD ausfüllen? Die tagelangen Diskussionen in Frankfurt kreisten immer wieder um die Frage, was dieser Bund eigentlich sei: Studentengruppe oder Parteiersatz. „Chefideologe“ Professor Wolfgang Abendroth befand, der SDS dürfe keine Ersatzorganisation für eine politische Partei werden, sondern müsse seinen Charakter als „einzige intakte und legale sozialistische Organisation mit festem eigenem sozialen Ort“ beibehalten. Dann könne er am besten die außerparlamentarische demokratische Opposition stabilisieren helfen.

Doch auch Abendroth vermochte das Paradoxon nicht zu lösen, daß die „Neue Linke“ eben keine Arbeiterbewegung ist – weder in Deutschland noch in anderen westlichen Ländern. Ohne parteipolitischen Rückhalt schwebt der SDS dauernd in der Gefahr, zu einer Sekte zu verkümmern. Wenn die SDS-Genossen ihr Studium absolviert haben, sind sie politisch heimatlos. Entweder werden sie – wovor Guttenberg Angst hat – zu „Seminar-Sozialisten“, die sich in geistigen Höhen fernab der politischen Tagesaktualitäten aufhalten, oder sie wandern in die Provinz ab, wählen SPD, DFU oder FDP und spenden allenfalls mal ein Scherflein für die SDS-Kasse. Oder sie kehren reumütig in den Schoß der SPD zurück, weil es sie nach den Pfründen der Politik gelüstet.

Die erzwungene Isolierung, die dauernde Frustation begünstigen das Aufkommen von Richtungskämpfen und die Zersplitterung in Einzelgruppen aller Schattierungen, von den Anarchisten bis zu den Pekinesen. Der Frankfurter Kongreß brachte die Gegensätze ans Licht: Lang aufgestauter Unmut und (uneingestandene) Verzweiflung einiger Gruppen – Köln, München, Berlin – entluden sich in einem Aufstand gegen den Bundesvorstand. Nur wenige waren bereit, dem 1. Vorsitzenden, Helmut Schauer, zu bescheinigen, daß er den SDS „praxisnahe“ und realistisch geführt habe. Die meisten Redner waren dem Vorstand gram, weil er sich zu selbstherrlich, undemokratisch und bürokratisch über die verschiedenen Fraktionen hinweggesetzt und sich auf einer Position der Mitte, etwa zwischen „konkret“ und der SPD, häuslich eingerichtet habe. Es fiel sogar das böse Wort „zentristisch“, und was das unter Genossen bedeutet, kann nur ermessen, wer weiß, wie hart Lenin einst mit Leuten dieses Schlages ins Gericht gegangen ist: „Das ‚Zentrum‘ ist das Reich der harmlosen kleinbürgerlichen Phrase, des Lippenbekenntnisses zum Internationalismus, des feigen Opportunismus ... das sind Leute der Routine, zerfressen von der faulen Legalität, korrumpiert durch die Atmosphäre des Parlamentarismus.“

Die „Radikalen“ aus Köln, München und Berlin wollten darum tabula rasa: an der Spitze eine Troika (statt bisher 1. und 2. Vorsitzender) und als Spektrum aller Fraktionen einen erweiterten Beirat. Zugleich sollte die in Frankfurt, also in der Nähe des Bundesvorstands, beheimatete Redaktion des Verbandsorgans „Neue Kritik“ von Grund auf umgekrempelt werden.