Es klang wie ein düsterer Begleitakkord zu einem Trommelwirbel. Am 3. September hatte U Thant bekanntgegeben, er wolle nicht ein zweites Mal für den Posten des UN-Generalsekretärs kandidieren. Resignation über seine Ohnmacht, für den Frieden in der Welt zu wirken, sprach aus seinem Ablehnungsbescheid. Nur einen Tag später erklärte Papst Paul VI. vor Pilgern: Statt des Friedens und der Freiheit gewönnen die „schädlichen“ Ideen des atomaren Wettrennens, des Rassismus, des Nationalismus und der Revolution die Oberhand.

Zumal die nach seiner Ansicht drohende Steigerung des Vietnam-Konfliktes zu einem „dritten Weltkrieg“ hat U Thant zu seinem Entschluß bewogen. Bleibt er dabei, so müßte man darin eine Kapitulation sehen – das Eingeständnis, die Schlacht um Vietnam verloren zu haben. Die Folgen für das Funktionieren, sogar für den Bestand der Weltorganisation wären katastrophal.

Soweit braucht es indessen, allen entmutigenden Prognosen zum Trotz, nicht zu kommen. Denn im Fall U Thant sind sich nun sogar die ärgsten Widersacher unter den führenden UN-Nationen einig: Die Amerikaner wollen ihn, die Sowjets bitten ihn, die Afrikaner, Asiaten und Südamerikaner beschwören ihn. Selbst de Gaulle, der die Organisation einmal mit dem verächtlichen Wort „das Dingsda“ abkanzelte, sieht keinen besseren Generalsekretär. Plötzlich werden auch allenthalben seine Vorzüge gerühmt, seine Erfolge gepriesen. Das Ende des sowjetischen Kuba-Abenteuers wird auf einmal seinem Vermittlungsgeschick zugeschrieben, der Friedensschluß zwischen Indien und Pakistan, heißt es im Chor, sei sein Werk, die Krise um Zypern habe er in Grenzen gehalten. Manche Deuter orakeln, mit seinem Rücktritt wolle er die Amerikaner und Sowjets „erpressen“, sich in Vietnam um ein Ende des Krieges zu bemühen und an den Genfer Verhandlungstisch zurückzukehren.

Abseits solcher Spekulationen läßt U Thants „Abschiedsbrief“ immerhin die Vermutung zu, er könnte sich doch noch bereit finden, wenigstens für eine Übergangszeit von zwei Jahren als Generalsekretär zu amtieren. Den Delegationen hatte er mitgeteilt, er wolle sich nicht „offerieren“ und es dem Sicherheitsrat überlassen, sich auf einen Kandidaten zu einigen. Ein definitives „Nie und nimmer“ hat er nicht ausgesprochen. Es könnte also durchaus sein, daß er sich zum Bleiben entschlösse, wenn ihm Sicherheitsrat und Generalversammlung mit überwältigender Mehrheit ihr Vertrauen bekundeten.

Gegengaben freilich dürfte ein wiedergewählter U Thant nicht erwarten: Weder drosseln die Amerikaner seinetwegen ihre Vietnam-Eskalation oder bequemen sich dazu, China sogleich als UN-Mitglied zuzulassen, noch füllen die säumigen Zahler die leeren Kassen. Allein die Einsicht in die Not, in die das Friedenswerk der Vereinten Nationen geriete, die Furcht vor ihrem unaufhaltsamen Niedergang, könnten U Thant bewegen, den „mörderischen Job“ ein zweites Mal zu übernehmen. Doch dies ist gegenwärtig kaum mehr als eine Hoffnung. D. St.