Von Theo Sommer

Als aber das Wasser Monate später, es war Frühling geworden, den Leichnam, ihn ausspeiend, preisgab, erkannten die Freunde sie nicht, denn ihre Augen waren zu Höhlen geworden, ihre Wangen glichen riesigen Dellen, der Mund wuchs in die Nase hinein, drei Zähne standen wie Spieße hervor, und sie war schwarz und nackt...

War sie jetzt wiederzuerkennen, anderthalb Menschenalter danach, in der Fernsehaufbereitung ihres Schicksals zu einem "Spiel der Möglichkeiten und der Phantasie"? Wieviel hat die rote Rosa von Walter Jens mit der historischen Rosa Luxemburg gemein?

Am Donnerstag voriger Woche trat sie, die es in dem zynischen Gassenhauer "Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal" zu kurzlebigem postumen Schlagerruhm gebracht hatte, gegen Caterina Valente an, die ungekrönte Königin des deutschen Schlagergeschäfts. Ich weiß nicht, wer bei dieser Bildschirm-Konkurrenz besser abschnitt, wahrscheinlich war die politisierende Jüdin aus Russisch-Polen von vornherein im Nachteil gegenüber der singenden Südländerin. Aber ich fürchte auch: manch einen, der besten Willens war, sich Politik zu Gemüte zu führen an Stelle von schönem Tingeltangel, ein dunkles Stück deutscher Geschichte zu rekapitulieren, anstatt in die Traumfabrik zu flüchten – manch einen hat der Autor selber zum anderen Programm vertrieben. Das machte: sein Mut zur Länge überforderte die Langmut selbst der Willigen; und es war zuviel weinerliche Lyrik im Spiel. Die Umschaltemöglichkeit um 21.05 Uhr zu "Journalisten fragen – Politiker antworten" muß viele in Versuchung geführt haben, die ihren Fernsehgeschmack am gestrengen Momos-Urteil bilden.

Wohl, die Gesinnung ist zu loben. Es war höchste Zeit, das Leben der Luxemburg – ignoriert diesseits, verfälscht jenseits der Elbe – ins Gedächtnis der Deutschen zurückzurufen, zu deren großen geschichtlichen Frauengestalten die Kaufmannstochter aus Zamosc gehört; Zeit auch, ihr gewaltsames Ende am 15. Januar 1919, eine Woche nach dem Zusammenbruch des Spartakus-Aufstandes, den sie nicht gewollt hatte, aber nicht verhindern konnte, so darzustellen, wie er wirklich war: als barbarischen Mord, nicht als "standrechtliche Erschießung", von der noch 1962 das Bulletin der Bundesregierung faselte.

Auch boten sich die handelnden Figuren für ein republikanisches Lehrstück geradezu an. Alle sind sie hier versammelt, lange vor Hitler, die Prototypen unseres nationalen Versagens – der Überpatriot, der jedes Unrecht mit Antikommunismus glaubt entschuldigen zu dürfen, der schlaue Befehlsnotständler, der tumbe Gewehrkolbenbetätiger, der feige Lump von Richter. Hauptmann Pabst, der den Exekutionsbefehl gab: "Was heißt schon Ermordung? Ich ließ sie richten. Die Lage der Nation erforderte es. Hätte ich nicht gehandelt, Berlin, wäre schon damals die Hauptstadt einer Sowjetrepublik Deutschland geworden." Husar Runge, der Rosa Luxemburg im Edenhotel mit Kolbenschlägen malträtierte: "Ich hatte eine Wut auf sie. Die Kommunisten hätten uns doch alle baumeln lassen. Ich hatte keine Gewissensbisse, weil ich an mein Haus dachte, das mir die Kommunisten wegnehmen wollten." Oberleutnant Vogel, der die bucklige Zwergin mit seiner Dienstpistole totschoß und den Leichnam bei der Lichtensteiner Brücke ins Wasser werfen ließ: "Ich führte nur einen Befehl aus."

Dazu kam die der Form immanente Dramatik, der Rahmen der Gerichtsverhandlung, die ja das Urmuster der Spannung liefert: Ankläger, Verteidiger, Zeugen, Richter; die dramatischen Möglichkeiten der forensischen Szene hier noch potenziert durch den Kunstgriff, die Mörder vor dem fiktiven "Tribunal der Toten" mit der Ermordeten zu konfrontieren.