Von Hanns W. Eppelsheimer

In Vulpera im Engadin, wo er sich von den Folgen eines Unfalls zu erholen gedachte, ist er am 31. August im 76. Lebensjahr nach einem Herzanfall gestorben. Er trug das Schicksal des großen alten Mannes unserer Literatur: Die Jungen wußten, er war berühmt, lasen von seinen Auszeichnungen, von dem Ehrenpräsidenten des Internationalen P. E. N. und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; die mittlere Generation hatte sich noch für seine italienischen Reisebücher begeistert; die Darmstädter achteten ihn als ihren Ehrenbürger, sie hätten diesem prachtvoll aussehenden, in sportlich salopper Eleganz unter ihnen wandelnden Dichter seine unverbrüchliche Liebe zu ihrer Stadt wahrscheinlich gern mit Gleichem vergolten, aber es ging ihnen wohl mit ihm wie allen Menschen: er hielt sie auf Distanz, nicht hochmütig und nie verletzend, aber in einer leisen, unangreifbar friedfertigen Vornehmheit jede Intimität abwehrend. Ein sehr männlicher, freilich auch sensibler, schamhaft-scheuer Charakter, der auch zu seinen Freunden nicht über seine Arbeiten und Miseren sprach, ihre Freundschaft nicht mit Bekenntnissen, nur gelegentlich mit einem beglückenden Lächeln belohnte, aber zur Stelle war, wenn sie ihn brauchten.

Wer ihn kannte, findet leicht die Elemente seines Charakters auch in der Konzeption seines Expressionismus, der anders ist als der O-Mensch-Jammer Werfels und die zerstörerische Dada-Freude der Intellektualisten vom „Sturm“, und auch später nicht in deutsche Innerlichkeit, sondern in die Weite der Welt führte. Gleich seine ersten Novellenbände – „Die sechs Mündungen“ (1915), „Timur“ (1916) und „Das rasende Leben“ (1916) – gewannen ihm die Jugend durch ihren sprachlichen Elan, das Tempo und die über die ganze Welt gestreuten Schauplätze seiner Erzählungen; Darmstadt wurde damals eine Art Hauptquartier, von dem aus ein strahlender junger Kondottiere der Literatur seine Aufsätze und Vorträge – „Über die dichterische deutsche Jugend“ (1917), „Über den dichterischen deutschen Expressionismus“ (1918) – und Manifeste wie Tagesbefehle hinausschickte. In seinem Essay „Bilanz“ (1949) preist er, voll Verachtung für die „armen Bürokraten der Poesie“, die Unzünftigen, die „die Umwege über Ski und Segelboot nicht scheuten“, und formuliert sein Ideal mit der Verve französisch getönter Rhetorik, darin er Heinrich Mann nahe ist (ohne ihn nachzuahmen): „Herrlich wer, da er die Städte und die Berge und das Meer und die Menschen vollauf erlebte, an der Spitze der Berufung und mitten in der Leistung, ein Außenseiter geblieben ist.“

Soviel Vertrauen zur Welt und dem Leben wäre kein schlechter Auftakt einer Literatur nach dem verlorenen Krieg gewesen. Aber es sollte nicht sein – nicht für uns und auch nicht eigentlich für die anderen. Der Expressionismus lief aus, der Traum seines gläubigsten Verfechters, Welt in die deutsche Literatur zu bringen, zerrann, wurde bald in dem großen Zerstörungswerk, das die Deutschen selbst begannen, hoffnungslos zuschanden. Kurz davor erschien, im Jahre 1931, noch ein Band seiner Erzählungen, sein Titel „Hallo Welt“ klingt für uns wie ein letzter Anruf, dem keine Antwort mehr folgte. Indes war Edschmid glücklich genug, zu überleben und das Werk, an dem er mit der Beharrlichkeit des zarten Träumers hing, wieder aufzunehmen: zu reisen und seine Reisen zu beschreiben, weiter aus drei Erdteilen zu erzählen und das Netz seiner weltweiten Freundschaften wieder zu knüpfen. Jetzt schrieb er seine schönsten Romane „Wenn es Rosen sind, werden sie blühen“ (1950) und „Der Marschall und die Gnade“ (1954), in denen er die Vorkämpfer humaner Freiheit, wie er sie liebte, seinen hessischen Landsmann Büchner und den Südamerikaner Bolivar, mit dem gedämpften, leicht melancholischen Enthusiasmus seiner reifen Jahre feiern durfte.

Und noch etwas hat ihm zum guten Ende ein freundliches Schicksal bewilligt: er durfte, was alleweil das Schönste ist, das einem schöpferischen Geist begegnen kann, die Konzeptionen seiner Jugend siegen sehen. Der Expressionismus ist nach der Karenz, die ein biologisches Gesetz – die Aversion der Sohne gegen das Werk der Väter – jeder Kunstepoche aufzuerlegen scheint, zu endgültiger Anerkennung aufgestiegen – noch ehe sein Prophet selbst dahinging.